XXXVI. Jahrestagung der DVCS
„Selbstbilder – Fremdbilder“
Vom 21. bis 23. November 2025 findet am Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg die XXXVI. Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Chinastudien statt.
Call for Papers
„Selbstbilder – Fremdbilder“
Call for Papers
Unser Chinabild – jedes Chinabild – entsteht im Schnittpunkt von Selbstbeschreibung und Fremdbeschreibung. Die Selbstbilder, die Chines:innen uns geliefert haben, sind ebenso wirksam gewesen wie umgekehrt die Fremdbilder, die wir selbst nach China projiziert haben – und jede Beschreibung des anderen liefert immer auch eine Selbstbeschreibung.
Die XXXVI. Jahrestagung der DVCS will Beiträge versammeln, die das Zusammenspiel von Selbstbildern und Fremdbildern in verschiedenen Bereichen untersuchen. Dabei kann es um Orientalismus und Selbst‐Orientalisierung gehen oder um den chinesischen Blick z. B. auf Europa, Japan und den globalen Süden. Die (Selbst‐? Fremd‐?)Beschreibungen von China und Taiwan stehen ebenso im Blickpunkt wie regionale Stereotype innerhalb Chinas, der „Barbaren“‐Diskurs und der Umgang mit „Nationalen Minderheiten“. Das Thema spiegelt sich in der Übernahme und Umformung westlicher Begriffe in China sowie in Debatten über chinesische Kultur, westliche Werte, Identitäts‐ oder Geopolitik wider; es betrifft westliche Diskurse von der „Gelben Gefahr“ über „Systemgegensätze“ bis hin zur „China‐Strategie“ der letzten Bundesregierung. Wie werden Selbst‐ und Fremdbilder literarisch, theatralisch, filmisch, künstlerisch oder kartographisch verarbeitet? Und nicht zuletzt: wie wirken sich Selbst‐ und Fremdbeschreibung in Wissenschaft und Forschung aus?
Dissertationsvorhaben
Dissertationsvorhaben oder kürzlich abgeschlossene Dissertationsprojekte können auch ohne direkten Bezug zum Tagungsthema im Rahmen eines separaten Panels vorgestellt werden.
Anmeldung und Teilnahme
Die Tagung wird vom 21. bis zum 23. November 2025 in Präsenz am Asien‐Afrika‐ Institut der Universität Hamburg stattfinden (Edmund‐Siemers‐Allee 1, Flügel Ost, 20146 Hamburg).
Wir bitten darum, Abstracts (ca. 250 Wörter) und eine kurze Beschreibung der eigenen Person (ca. 100 Wörter) bis zum 31. Juli 2025 über das Anmeldeformular auf unserer Webseite einzureichen.
Die Anmeldefrist für Teilnehmer ohne eigenen Vortrag ist der 30. September 2025. Die Veröffentlichung ausgewählter Beiträge zum Tagungsthema ist in Form des Jahrbuchs der DVCS vorgesehen. Die Mitgliederversammlung wird am Abend des 22. November stattfinden. Die Teilnahmegebühr für Nichtmitglieder beträgt 40 Euro (ermäßigt 20 Euro). Für Mitglieder der DVCS und Studierende bis zum Master ist die Teilnahme kostenfrei.
Weitere Informationen
Sollten Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an dvcs2025@uni‐hamburg.de. Weiterführende Informationen finden Sie auf der Tagungswebseite:
Sie können den Call for Papers hier herunterladen (internes PDF).
Anmeldung
Die Teilnahme an der Tagung ist nur nach vorheriger Anmeldung möglich. Die Frist zur Anmeldung ist am 30. September abgelaufen.
Teilnahmekosten und Verpflegung
Für Mitglieder der DVCS und Studierende (bis MA) ist die Teilnahme kostenlos.
Für alle anderen beträgt die Teilnahmegebühr 40 Euro (20 Euro ermäßigt), bar am Einlass zu entrichten.
Enthalten sind die Verpflegung mit alkoholfreien Getränken und Snacks sowie ein Mittagessen (Samstag; warmes, vegetarisches Fingerfood).
Am Freitag, 21.11., wird es ein gemeinsames Abendessen im Yu Garden (Feldbrunnenstraße 67) geben. Die Teilnahme muss bei der Anmeldung angegeben werden und kostet 35 Euro + Getränke.
Programm
Hier können Sie das Konferenzprogramm herunterladen (internes PDF, > 20 MB): https://fiona.uni-hamburg.de/e8dab680/dvcs-2025-programmaktualisiert-20251111.pdf.
Hier finden Sie eine kleine Fassung ohne Hintergrundbilder (internes PDF, < 1 MB): https://www.aai.uni-hamburg.de/china/dvcs2025/medien/dvcs-2024-programm-simpel.
Zum Abschluss der Tagung wird der Kurator Dr. Bernd Spyra alle Interessierten durch die Ausstellung Druckfrisch aus den Zwanzigern – Einblicke in Chinas Moderne im Museum am Rothenbaum (MARKK) führen. Von der Webseite (https://markk-hamburg.de/ausstellungen/druckfrisch-aus-den-zwanzigern/):
Die Ausstellung lädt in eine faszinierende Zeit des Aufbruchs ein: Nach dem Fall des Kaiserreichs 1911 war China in den 1920er- und 30er-Jahren geprägt von rasantem Wandel, technischen Neuerungen und einer regelrechten Bilder- und Medienflut. Die moderne Druckindustrie revolutionierte die Produktion und prägte Kultur und Kommunikation nachhaltig.
Das MARKK präsentiert erstmalig eine Auswahl seiner weltweit einzigartigen Sammlung an Druckgrafiken. Viele der Objekte kamen im Rahmen einer der frühesten chinesisch-deutschen Forschungskooperationen zwischen 1927 und 1932 nach Hamburg.
In dieser bewegten Epoche entstanden neue Medien, Modetrends und visuelle Ausdrucksformen. Es entwickelte sich eine Kultur voller Erfindungsgeist, in der mit Druckverfahren experimentiert und eine neue Bildsprache entwickelt wurde, die weit über die Kunstwelt hinauswirkte.
Druckfrisch aus den Zwanzigern zeigt, wie Massenproduktion Kunst, Kommunikation, Kommerz und das Lebensgefühl einer Generation beeinflusste. Gleichzeitig wird der historische Kontext der Sammlung sichtbar: ein bedeutsames Kapitel transkultureller Museumsgeschichte, das bis heute nachwirkt.
Abstracts
| Name und Vortragstitel | Abstract |
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Iwo Amelung Constructing "Chinese Optics" in Late 19th and Early 20th Century China |
The assimilation of Western scientific thought in China—a process initiated in the 17th century and accelerating considerably in the late 19th and early 20th centuries, whether through direct transmission or Japanese mediation—was instrumental in shaping not only a modern scientific lexicon but also China’s contemporary system of higher education. A less frequently acknowledged, yet equally significant, dimension of this reception involved the reevaluation and reinterpretation of traditional Chinese textual traditions through the heuristic framework of Western scientific taxonomies and the selective incorporation of newly acquired epistemic knowledge. The conceptualization of "Chinese optics" offers an especially illuminating case study of this intricate dynamic. This concept materialized in the mid-19th century, largely attributable to the endeavors of figures characterized as "proto-scientists," such as Zou Boqi. My analysis focuses on texts produced within the intellectual ambit of the Xixue zhongyuan (Chinese Origins of Western Knowledge) discourse. These works, notwithstanding their often-limited apprehension of the foundational principles of scientific optics, were crucial in cultivating a broader public consciousness concerning an alleged indigenous optical tradition, ostensibly traceable to the Mohist canon (Mojing). I contend that this nascent public awareness ultimately precipitated the discursive construction of an imagined scientific discipline. Notwithstanding the absence of any discernible efforts to operationalize the optical propositions articulated in the Mojing, and the complete disjunction of Mohist optics from subsequent genuine scientific advancements, this imagined discipline has nonetheless been integrated into modern Chinese physics curricula and has subsequently become a discrete subject within specialized disciplinary histories. |
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Fritz Beck Emische Erklärungsansätze lokaler Eliten zur Migration aus Fujian im 17. und 18. Jahrhundert |
"Ende der Ming-, Anfang der Qingzeit gehen große Migrationsbewegungen von dem südlichen Teil der Provinz Fujian über das Meer nach Südostasien aus. Mittlerweile gibt es viel Forschung, die Erklärungsansätze für diese Migrationsbewegungen sucht, meist solche, die sich mit der Literatur und Geschichte der entstandenen Diaspora befasst. Oft erfolgen die Erklärungen anhand von Landqualität oder Handelspolitik, doch eigentlich immer anhand von Faktoren, die in der Literatur der Diaspora zentrale Rollen einnehmen. Noch gibt es keine Forschung, die versucht, eine Sicht der in Fujian Verbliebenen auf diese Migrationsbewegungen systematisch zu rekonstruieren. Da die Belange und Einstellungen eines großen Teils der Bevölkerung uns wohl verschlossen bleiben müssen, konzentriert sich dieser Vortrag auf das Milieu der lokalen Beamten (und nachrangig der anderen Eliten). Hierbei wird zum Quellentypus der Lokalgeschichten, der Difangzhi (地方志), gegriffen, mit denen man, dadurch dass das Genre so produktiv war, Vergleiche in den drei Dimensionen der Zeit, des Raums und der Administrationsebene anstellen kann. Dieselbe Fülle führt aber auch zu einer Einschränkung des Vortrags: hier werden lediglich zwei Difangzhi aus dem Raum Quanzhou (泉州) erschlossen. Über welche Faktoren für Migration schrieben die lokalen Beamten in diesen Difangzhi? Was schrieben sie nicht, was verdeckt? Wie sind die Difangzhi zu qualifizieren? Was sagen die Texte über das Staats-, Gesellschafts- und Verwaltungsverständnis aus? Es wird dabei näher auf die Faktoren Steuerpolitik (und mittelbar Landbeschaffenheit), Kriegswehen, (Privat-)Handel und Bildungspolitik eingegangen. Dieser Vortrag versteht sich als textwissenschaftlicher Beitrag zu der interdisziplinären Geschichtsforschung Migrationsforschung. " |
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Tania Becker / Josie-Marie Perkuhn Zwischen Selbstbeschreibung und Fremdwahrnehmung: Technologische Innovationen in China und Taiwan |
"Technologische Innovationen verändern den gesellschaftlichen Alltag ebenso wie sie nationale und internationale Beziehungen prägen. Mit dem Aufstieg globaler Tech-Konzerne geht es längst nicht mehr nur um Marktmacht, sondern auch um politische Vorherrschaft. Die digitale Entwicklung wird weltweit in all ihren Facetten vorangetrieben – und die Selbstbeschreibung als führende Innovationsmacht ist dabei stets ein Politikum. Zugleich sind Annahmen von Realität und Dystopie vielgestaltig: Um welche technologischen Entwicklungen geht es konkret, und welche Vorstellungen von Fortschritt, Effizienz oder Überlegenheit prägen westliche Wahrnehmungen chinesischer und taiwanischer Technologie? Der Beitrag identifiziert – ausgehend von der internationalen Fremdwahrnehmung – zentrale Schlüsseltechnologien, um ausgewählte Innovationen in China und Taiwan danach zu befragen, wie sie jeweils national gedeutet und inszeniert werden. Im Zentrum stehen dabei Künstliche Intelligenz, Chipindustrie und Robotik. Die Analyse verbindet technologische Fakten mit der Frage, welche Narrative diese Entwicklungen begleiten und wie sich diese mit politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Selbstbildern verknüpfen. Fallbeispiele wie das chinesische KI-Sprachmodell DeepSeek, die Rolle Taiwans in der globalen Halbleiterproduktion oder Chinas Automatisierungspolitik im Bereich Robotik zeigen, wie Technologieentwicklung nicht nur technisch, sondern auch symbolisch aufgeladen ist. Ziel des Beitrags ist es, Innovation in den chinesischen und taiwanischen Kontexten faktenbasiert zu analysieren und zugleich kultur- sowie diskursreflexiv vor dem Hintergrund der Fremdwahrnehmung zu betrachten. Im Fokus steht das Zusammenspiel von technologischer Realität, politischer Positionierung und internationaler Deutung." |
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Anja Bemnarek Evidenztechniken und Wahrheitspraktiken im spätmingzeitlichen Tiangong kaiwu 天工開物 (Dissertationsprojekt) |
"Das Tiangong kaiwu – ein 1637 veröffentlichtes Kompendium zur Ressourcenbewirtschaftung und Güterproduktion des Beamten Song Yingxing 宋應星 (1587 – ca. 1666) – wäre angesichts der Umbrüche der späten Ming-Zeit beinahe aus der chinesischen Überlieferung ausgeschieden. Bisher wurde das Werk vor allem aus wissenschaftshistorischer Perspektive untersucht und als ‚erste Enzyklopädie Chinas‘ bezeichnet oder sogar als metaphysische Abhandlung im Rahmer einer von Song postulierten qi-Theorie interpretiert. Das Dissertationsprojekt betrachtet das Tiangong kaiwu nun aus einer philologischen Perspektive. Anhand einer Analyse der im Text genutzten Evidenzstrategien sollen Praktiken der Wahrheitsproduktion der späten Ming-Zeit untersucht werden. Zugleich soll hinsichtlich der im Buch enthaltenen 123 Abbildungen gefragt werden, inwieweit die durch das Zusammenspiel von Text und Bild konstruierte Wahrheit rezipiert wurde und wie sich die Methoden ihrer Behauptung im Verlauf der Rezeption der Erstausgabe des Tiangong kaiwu möglicherweise verändert haben. Methodisch wird dafür auf den Begriff der evidentia aus der klassischen Philologie zurückgegriffen – auch wenn es hierfür kein direktes äquivalentes Konzept im Chinesischen gibt, finden sich in der chinesischen Vormoderne durchaus korrespondierende rhetorische Verfahren. In einem interdisziplinären Ansatz soll dabei auch an aktuelle Forschungsergebnisse zur evidentia aus der germanistischen Mediävistik angeknüpft werden. Der Nexus zwischen Wahrheitspraktiken und Evidenztechniken – wobei letztere als eine Form ersteren zu behandeln sind – soll mithilfe praxeologischer Ansätze verstanden werden. Dadurch soll der methodische Blick auf das Tiangong kaiwu erweitert werden und zu neuen Einsichten in seinen ‚Sitz im Leben‘ anregen. " |
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Jana Brokate / Lena Liefke China-Kompetenz im Norden: Eine Multiperspektive aus dem Flächenland Schleswig-Holstein |
Angesichts der wachsenden geopolitischen Bedeutung Chinas und seiner Rolle als Wissens- und Innovationsstandort verändert sich die Außenwahrnehmung chinabezogener Forschung in Politik und Gesellschaft. Damit einher geht sowohl ein gesteigertes Bewusstsein für die Förderung von China-Kompetenz als auch die Erwartung, dass Sinologien stärker in die Breite wirken. Zugleich treten zunehmend Akteur*innen mit praktischer China-Kompetenz oder andersfachlichem Zugang zur Region in Erscheinung. Zunehmend bewegt sich die Vermittlung von China-Kompetenz weg vom einem Wissenstransfer hin zu einem multiperspektivischen Wissensaustausch. Diese Entwicklung spiegelt sich in der Ausrichtung von Forschung, Lehre und Transfer am Chinazentrum der CAU Kiel wider. Als einzige universitäre Einrichtung mit umfassender China-Kompetenz in Schleswig-Holstein übernimmt es eine zentrale Rolle in der regionalen Wissensvermittlung. Es versteht sich nicht nur als Ort disziplinären Austauschs, sondern als Knotenpunkt eines interdisziplinären, anwendungsorientierten Netzwerks zur China-Kompetenz. Von der Kartierung aktueller Kompetenz-Bedarfe über die Entwicklung praxisnaher Weiterbildungsformate für den Wissenschaftssektor bis hin zur Konzeption digitaler Werkzeuge für deutsch-chinesische Kooperationen: Das BMFTR-geförderte Regio-China-Projekt „ChiKoN“ trägt ebenso zur Wirkung des Zentrums bei wie die Projekte „Flying Sinologist“ und „china:werk“, die gezielt Schüler*innen ansprechen. Mit diesem diversifizierten Ansatz schafft das Chinazentrum ein Modell, das über Schleswig-Holstein hinaus Impulse für eine zukunftsorientierte China-Kompetenzlandschaft gibt. Es prägt lokal Chinabilder mit – durch Formate wie auch durch implizite kulturelle Bezugnahmen – als Teil eines kulturellen Aushandlungsprozesses, in dem Wahrnehmung, Wissen und Deutung miteinander verflochten sind. |
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Chan Tsz Kit Perspective of an Educator: Comparing Paul Monroe’s Reports on China with Other Foreign Accounts in the Early Republican Period |
Although figures like John Dewey and Paul Monroe visited China and left lasting influence, they were not regarded as conventional China experts—a label more often associated with western journalists and businessmen based in the treaty ports. The perspectives on China from educators like Monroe circulated primarily among domestic elites invested in education and rural reconstruction. Against this background, this paper compares Monroe’s pedagogical gaze with the merchant-oriented perspectives of typical China Hands such as Carl Crow. It revisits Monroe’s itinerary, observations, and interactions with Chinese actors to assess how his view of China diverged from perspectives shaped by commercial engagement. Monroe first came to China in 1913, when Jiangsu educators invited him to inspect schools in Shanghai and advise on educational reform. Upon returning to Teachers College at Columbia University, he prefaced the dissertation of Kuo Pingwen—China’s first Ph.D. in education—saying that sympathetic observers would find no “fundamental difference in intellectual characters” between Chinese and others, only in their “method of approach” in seeking values. This belief underpinned his 1919 lobbying for using the remaining Boxer Indemnity to support scientific education in China. In this regard, his influence was no less significant than the much-celebrated Dewey. In his 1927 report, Monroe criticized the commercial mindset of his contemporaries as “antiquated” and advocated using American aids to show solidarity with those “struggling out of darkness.” By drawing the comparison, this paper highlights the distinctiveness of Monroe’s pedagogical gaze and the diversity within foreign accounts of early Republican China. |
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Chen Zhenzi Das rückständige konfuzianische China und die modernen christlichen Staaten? ‘Selbstbilder’ und ‘Fremdbilder’ verschiedener Akteursgruppen in chinesischsprachigen Missionszeitschriften der späten Qing-Zeit |
"Die Jahrzehnte nach dem Opiumkrieg markieren eine Phase intensiver Konfrontation zwischen „Selbstbildern“ und „Fremdbildern“ zwischen dem chinesisch-sprachigen Kontext und dem westlich-sprachigen Kontext. Die von protestantischen Missionaren herausgegebenen chinesisch-sprachigen Missionsperiodika wie die Jiaohui Xinbao 教會新報(The Church News) und Wanguo Gongbao (The Global Magazine/The Review of the Times) fungierten dabei als „contact zone“, die eine Brücke zwischen diesen Diskursräumen schlugen. Während sich die bisherige Forschung vorwiegend auf ihre Rolle als Vermittlungsinstanzen „westlichen Wissens (xixue西學)“ konzentrierte, wurde ihre Eigenschaft als Diskurs-Arena unterschätzt, in der sich die „Selbstbilder“ und „Fremdbilder“ verschiedener Akteursgruppen konflikthaft gegenüberstanden. |
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Stefan Christ „Moderne chinesische Theaterbilder“ eines alten Kulturheroen: Wang Xiaoying inszeniert Fu Sheng |
Das historische Drama Fu Sheng 伏生, 2013 von Regisseur Wang Xiaoying am Staatlichen Sprechtheater Chinas inszeniert und seither vielfach gespielt, ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Einerseits stellt Wang sich ästhetisch in eine Tradition, die seit den späten 1920er Jahren versucht, "moderne” Kunst, deren Formen man meist von außen übernahm, mit “nationalen” Eigenheiten zu verknüpfen. Wang spricht explizit davon, “moderne chinesische Theaterbilder” schaffen zu wollen. Zugleich ist die Inszenierung das Produkt eines großen, staatlich finanzierten Kultursektors, der mit seinen “Mainstream”-Werken in allen Bereichen der Kunst ein von der Politik gewünschtes Bild der chinesischen Kultur und Geschichte präsentiert, das sowohl nach innen wie nach außen wirken soll. Fu Sheng als Held des Dramas, der das Shangshu gegen alle Widrigkeiten vor der Vernichtung durch Qin shi huangdi bewahrt, eignet sich hervorragend, um die Langlebigkeit und Beharrungskraft der chinesischen Kultur zu feiern. Die Hervorhebung der konfuzianischen Tradition fügt sich zudem nahtlos in die ideologische Propaganda der ersten Jahre des Xi Jinping-Regimes. Andererseits thematisiert das Stück aber auch die Spannung zwischen einem autoritären politischen Regime und intellektueller Vielfalt, womit es der offiziellen Propaganda zuwiderzulaufen scheint. Der Vortrag wird deshalb insbesondere den Begriff von Kultur in den Blick nehmen, der hinter Wangs Arbeit steht, und untersuchen, wie er sich in Form und Inhalt der Inszenierung manifestiert. |
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Di Cheng Curate the History of Shanghai—The Construction of Museums and the City Culture of Shanghai in the Mao Era |
"Since the late Qing Dynasty, the development of museums in China has been closely related to the pursuit of national modernisation and the reconstruction of the national image. The exhibits in museums are not merely a display of history; they also serve to rebuild the ideal national narrative and image. As one of the most significant cities in modern China, Shanghai is one of the typical representatives of Chinese museum development and the Chinese revolution. This research draws on related archives and publications from Shanghai, focusing on the progress of museum construction and exhibition curation from the founding of the People's Republic of China to the Reform and Opening Up. These include exploratory policies marked by indecision regarding the construction of a revolutionary museum in Shanghai and re-curation of existing exhibitions during various phases of political movements. Through this, the study aims to examine the interaction between the ongoing political movements of great magnitude in the Mao Era and museum development, and to explore its impact on the city’s image and, consequently, on the national image. This research is a phase of the author's doctoral project and will be reported in English." |
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Du Zeyu Rome as a Mirror: The Appropriation of Roman History in Late Qing China |
"The reception of Roman history in China began in the late Qing dynasty as part of the broader importation of Western historical knowledge. During the Daoguang and Xianfeng periods, Protestant missionaries introduced Roman history through newspapers and translated texts. Simultaneously, Chinese-authored geographical works incorporated the history of Rome within sections like “General Introduction to Europe” and “Italian State Records.” These narratives characterized the Roma Empire as a “great unity”. In the Tongzhi and Guangxu periods, representations of Rome became more accurate and diverse. Rome was seen as one of the “ancient civilizations” of Europe. Translations of works by figures as Joseph Edkins’s (1823-1905) introduced Western historiographical frameworks—most notably the tripartite periodization of “Antiquity–Middle Ages–Modernity.” Within this framework, Rome was positioned as a foundational pillar of Western civilization, and its fall signified the beginning of the “Dark Ages.” For Chinese intellectuals of the time, Rome emerged as the most appropriate European counterpart to reflect upon China's own civilizational path. As the only polity in European history to have achieved and maintained “great unity” over an extended period, Rome provided an external reference in the intellectual debates on “unity or division” in late Qing China, namely, whether China's modernity needs to be free from a “unified” territory and regime. This comparative civilizational perspective—reframing Chinese identity through engagement with the Western past—became a crucial intellectual resource and a driving force in the formation of modern Chinese thought." |
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Paula Engelbach Wenming 文明 in Diskursen über Sex, Obszönität und Literaturzensur in China |
"Das Konzept von wenming 文明, auf Deutsch geläufig als „Zivilisation“ oder „zivilisiert“, auf Englisch als „civilization“, „civilized“ oder „civility“ übersetzt, ist ein eindrückliches Beispiel für die Einführung von westlichen Begriffen nach China im Zuge des Austauschs zwischen dem Westen und China im 19. und 20. Jahrhundert, inklusive der daran anschließenden Selbstbearbeitung und Entwicklung des Begriffs in China. Seit seiner modernen Einführung ist der Begriff ein fester Bestandteil ideologischer und politischer Diskussionen geblieben und insbesondere im Verlauf der Geschichte der Volksrepublik institutionalisiert worden, so z.B. im Begriff der „Errichtung der spirituellen Zivilisation“. Ich möchte nun einen weiteren Bedeutungshorizont untersuchen, in der die Selbst- und Fremdbeschreibungs- und verständnisqualität dieses Konzepts zum Tragen kommt, und damit den Überblick über die Tragweite seines Einflusses erweitern: Ich untersuche das Konzept wenming bezüglich dessen Bedeutung in zeitgenössischen chinesischen, offiziellen (hier: politischen und wissenschaftlichen) Diskursen über Zensurregelungen von sogenannter „obszöner Literatur“. Dies verbindet Vorstellungen von Kunst, von Obszönität und Pornografie, von Recht und von Moral zu einem komplexen Themenfeld, innerhalb dessen ich die Verwendung des wenming – Konzepts in drei Diskursbereichen (beginnend) analysiere: a) Diskurse über Sex und sexuelle Moral, b) Diskurse über „obszöne Literatur“, und c) Diskurse über die Zensur von „obszöner Literatur“. Wenming stellt sich dabei nicht nur als ein Element heraus, das Ideale von Sexualmoral strukturiert, sondern auch als ein dezidierter Legitimator für moralisch geleitete Rechtschreibung und -sprechung in China. Dabei führt diese Analyse ebenfalls vor Augen, wie künstlerische, wissenschaftliche und rechtliche Diskurse zusammenspielen und sich entlang politisch propagierter Werte aneinander angleichen. Angemerkt sei, dass es sich dabei um eine erste Untersuchung ausgewählter Beispielquellen handelt." |
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Florian Flietner Deng Xiaomangs „Dritte Aufklärung“ im Wechselspiel zwischen chinesischem Selbst- und Fremdbild |
"Der vor allem als Kant-Übersetzer bekannte Deng Xiaomang, der sich selbst als ein „den Konfuzianismus kritisierender Konfuzianer“ sieht, ist zugleich einer der schärfsten Kritiker traditionellen chinesischen Denkens. Im Kontext inter- und transkultureller Fragestellungen erweist sich Dengs Kritik als eine spannungsreiche, dialektische Verflechtung von Selbstbild, vermittelt durch ein Fremdbild, sowie umgekehrt des Fremdbilds durch das Selbstbild. Er nimmt dabei u. a. Lu Xun folgend an, dass das chinesische Denken insgesamt im daoistischen Denken wurzelt und diagnostiziert ihm deshalb eine generelle „anti-linguistische“ Tendenz und eine Hyper-Natürlichkeit. Ausgehend von Kant (Kritik), Hegel (Dialektik) und Platon (Logos) inspiriert, entwickelt er eine Revision der chinesischen Philosophie – anschließend an die Aufklärung in Folge der 4.-Mai-Bewegung sowie der Phase nach der Kulturrevolution – für eine „Dritte Aufklärung“. Seine Kritik ist dabei denkbar scharf: Ohne ein korrektes Verständnis „westlicher“ Reflexivität und einer Selbstentfremdung von der Hyper-Natur dreht sich das chinesische Denken lediglich im Kreis und neigt zum „Kannibalismus“. Dies führt ihn dazu, zu behaupten, dass gerade der „Individualismus“, der heute überall zumeist kritisch beäugt wird, eine Lösung zu einer produktiven Entfremdung für die Chinesen darstellt. In meinem Vortrag werde ich seine beiden obigen Diagnosen und Dengs Argumentationsgang unter der Hinsicht der dialektischen Verflechtung von Fremd- und Selbstbild nachverfolgen, die im Hintergrund immer operativ ist. Besonderes Interesse gilt hier vor allem seiner Auffassung und Interpretation von „Logos“ sowie dem Augenmerk auf fehlende (selbst-)reflexive Verhältnisse im chinesischen Denken, seiner eigenen Anwendung logisch-reflexiver Explikationen und Momente sowie einer daran anschließenden Neulesung traditioneller Texte. |
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Ryanne Flock Wohnwelten der „Mittelklasse“ im heutigen China |
Sag mir, wie du wohnst und ich sag dir, wer du bist: Wohnen ist ein Prozess im paradoxen Gefüge von Struktur und Handeln, der sich im Zentrum wertender Diskussionen um Modernisierung und Fortschritt bewegt. Wohnsoziologische Forschung hingegen verweist auf (Post)Modernisierung als historische Phasen, in der Gesellschaft durch Wohnen neu strukturiert wird. Industrialisierung, Staatspaternalismus, Kapitalismus und Neoliberalismus geben (Re)Produktion Raum und Zeit vor und forcieren seid Jahrzehnten einen Trend der Vereinzelung. Während sich diesbezügliche Forschung auf Erfahrungen in Europa und den USA bezieht, möchte die hiesige Studie Wohnkultur und moderne Wohnprozesse im urbanen China näher beleuchten. Als theoretisches Grundkonzept dient die Idee der Sozialen Welten d.h. „universes of discourses“ (Strauss) und Praktiken der Wissensproduktion, die sich durch Grenzziehungen von innen nach außen sowie Zuordnungen akzeptierter Praktiken auszeichnen. Mit diesem Blick auf soziale Welten führte ich im April 2025 29 Interviews in den Neubaugebieten Suzhous. Geht die Forschung oft von Wohnungen als Repräsentationsort der Besserverdienenden aus, zeigt die Analyse, dass diese Funktion in den Idealen und noch mehr im gelebten Alltag an Bedeutung verliert. Trotz Wohlstands- und Sicherheitsstreben im Form von Wohneigentum herrscht dabei ein kontroverses Verhältnis zum Begriff der „Mittelklasse“ vor, meist durch die als prekär wahrgenommenen Arbeitsverhältnisse. Gegenüber den Konstruktionen vom guten und moralisch richtigen Leben, die in Wohnungswahl und Einrichtung fließt, treten dabei gelebte und erstrebte Individualität in den Narrativen nicht selten in den Hintergrund. Stattdessen erscheint die Wohnung als Hort familiären Zusammenseins auch dann, wenn aufgrund von Migrationsdruck und angespannter familiärer Verhältnisse die Realität dem nicht standhalten kann. |
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Lionel Sven Fothergill The Yellow Man's Burden: Der Blick der Han 漢 auf die Man 蠻-Barbaren im Sanguo yanyi 三國演義 (16. Jh. / 1994) |
"Welches Bild macht sich die Han-Mehrheit von den „nationalen Minderheiten“? Filmen und Fernsehspielen kommt eine Schlüsselrolle bei der Formierung von Selbstbildern zu, speziell bezüglich nationaler Gemeinschaften. Um hinter die offizielle Agenda ethnischer Eintracht zu blicken, eignet sich ein Adaptationsvergleich. Welches Kontrastbild von Han und Anderen ergibt sich, wenn Ethnizität nicht das Hauptthema ist? Dieser Vortrag vergleicht den Feldzug Zhuge Liangs 諸葛亮gegen Meng Huo 孟獲 im „Roman der Drei Reiche“ (Sanguo yanyi 三國演義, ca. 16. Jh.) und in Wang Fulins 王扶林 Fernsehserie gleichen Namens (1994). Die Episode exemplifiziert eine „moralische Kriegsführung“, indem Meng Huo sieben Mal besiegt wird. Der Roman zeigt den barbarischen Süden als fantastisches Land giftiger Gewässer und teils erotischer Exotik. Die Serie hebt Fantastik mit rationalen Erklärungen auf und kontrastiert die abergläubischen Barbaren mit fortschrittlichen Han. Am Ende des Feldzugs im Roman unterwerfen sich die Barbaren den Han wegen ihrer kulturell-zivilisatorischen Überlegenheit. Die Serie versucht den Han-Chauvinismus zu beheben, jedoch bricht sich dennoch kolonialistische Visualität Bahn. Die Passage steht symptomatisch für die Wahrnehmung der Han von ihrer Beziehung zu benachbarten Ethnien – damals wie 1994. Es zeigt sich, wie die Vergangenheit (das inszenierte Kulturerbe) und die Zukunft (die Modernisierung) beide von der Han-Ethnie geprägt sind. Dabei sind weder die Kommerzialisierung von Ethnizität noch interne Kolonisierungsprozesse aufgearbeitet worden. Im Kontext populärer Forderungen nach mehr symbolischer Repräsentation und weniger systemischer Benachteiligung der Han lädt der Fall schließlich zur Reflexion identifikatorischer Machtverteilungen ein. " |
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Andrea Frenzel / Andreas Guder China-Kompetenz: Bedarfe an norddeutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen – Ergebnisse einer Befragung |
Um der angestrebten Konzeption eines maßgeschneiderten modularen Angebots der hochschulübergreifenden Nachwuchs- und Personalfortbildung in Bezug auf China neue Zielgruppen und Bedarfe zu erschließen, wurde im Rahmen des Regio-China-Projekts „China-Kompetenz im Norden“ (ChiKoN) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Kooperation mit der FU Berlin im Winter 2023/24 eine Befragung zur China-Kompetenz im Kontext akademischer Kooperationen an Universitäten und Forschungseinrichtungen der norddeutschen Bundesländer durchgeführt, deren über 80 Antworten eine Basis für künftige Modulkonzeptualisierungen darstellen können. Gefragt wurde nach Einstellungen zum Thema China und China-Kompetenz, den eigenen diesbezüglichen Voraussetzungen und Erfahrungen und schließlich nach Potenzialen und Bedarfen. Im Ergebnis zeigt sich, dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen teilweise unterschiedliche sprachliche und inhaltliche Problemfelder benennen, und dass bezüglich China-bezogener Fortbildungsmaßnahmen einführende Veranstaltungen (allgemeines Chinawissen, Institutionenkunde und Bildungssystem, interkulturelle Kommunikation) und bedarfsspezifische Fortbildungen (z.B. zu Exportkontrolle, Rechtsprechung und Gesetzgebung oder den jeweiligen Forschungsfeldern) von den Verantwortlichen in sehr unterschiedlichem Maße als wünschenswert benannt werden. Hingegen wird Bedarf an Vernetzungsmaßnahmen, die vor allem dem Informations- und Erfahrungsaustausch dienen, deutlicher benannt. |
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Thomas Grosser Freund und Feind? Die Beziehungen zwischen Song 宋 und Liao 遼 in Gedichten Song-zeitlicher Gesandtschaftsreisender vom Gubei-Pass 古北 |
"Für die nördliche Song-Dynastie war die Auseinandersetzung mit der von den Khitan geführten Liao-Dynastie an der Tagesordnung. Die Präsenz einer formal ebenbürtigen Dynastie im Norden hatte einen nachhaltigen Effekt auf das Selbstverständnis der Song-chinesischen Elite sowie darauf, wie sie das Ausland wahrnahm. Im direkten diplomatischen Austausch verfasste Texte, insbesondere auf den mehrmals jährlichen Gesandtschaftsreisen, zeugen von einem inneren Konflikt: Zum einen sind die mit uralten Stereotypen von „Barbaren“ und ausländerfeindlichen Bezeichnungen geschmähten Liao Feinde, die im Norden chinesisches Stammland kontrollieren und gefährden. Zum anderen jedoch unterhält man mit ihnen langjährig friedliche Beziehungen und der persönliche Austausch auf der Gesandtschaftsreise ist meist respektvoll oder sogar freundlich. Wurde die Beziehung zum Norden als „Freundschaft“ oder „Feindschaft“ wahrgenommen? Was sagt das über das Selbstverständnis der Song-zeitlichen Gelehrten aus? Dieser Vortrag untersucht dieses Spannungsfeld zwischen „Freundschaft“ und „Feindschaft“ anhand von Gedichten, die Song-zeitliche Gesandtschaftsreisende am strategischen Gubei-Pass 古北 und dem dort gelegenen Yang Wudi-Tempel 楊無敵廟 verfassten. Dieser auf Liao-Gebiet gelegene Tempel war General Yang Ye楊業 (gest. 986) gewidmet, der für die Song-Dynastie gegen die Liao gekämpfte hatte, für seine bedingungslose Loyalität (gegenüber der Song-Dynastie) verehrt und sogar auch von Seiten der Liao in Ehren gehalten wurde. In den Gedichten wird der Gubei-Pass als geographische Grenze „Chinas“ stilisiert. Alte Befestigungsanlagen sowie der Tempel des Yang Ye geben des Reisenden Anlass zu Reflexionen über alte Kriege und zum Frieden der aktuellen Zeit, anhand derer sich das Spannungsverhältnis zwischen einem historischen Herrschaftsanspruch auf den Norden und einer Befürwortung des Friedens der Gegenwart nachzeichnen lässt. " |
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Lena Henningsen Autor, Medienstar, Ikone oder Revolutionär: Fremdbilder von Lu Xun in Lianhuanhua |
"Lu Xun ist einer der intellektuellen Superstars des frühen chinesischen Jahrhunderts: Autor von modernen, ambivalenten Kurzgeschichten und Essays, von nuancierten, oft kritischen Gedichten; Übersetzer, Publizist, Förderer anderer Künstler und Künste, etwa des avantgardistischen Holzdrucks. Er war aber auch ein begnadeter “cultural entrepreneur” und wusste, das öffentliche mediale Bild von sich selbst zu gestalten, intellektuell wie visuell. Neben seinen Schriften sind daher auch Fotographien von Lu Xun erhalten. Damit hinterließ er der Nachwelt umfangreiches Material, sich ihr eigenes Bild von ihm zu machen. In diesem Beitrag werde ich daher die Fremdbilder beleuchten, die von Lu Xun in ca. 100 Lianhuanhua gestaltet wurden, allesamt Adaptionen des Lebens und Schreibens von Lu Xun. Diese Lianhuanhua authentifizieren sich mit klaren Verweisen auf Texte von Lu Xun und mit intermedialen Verweisen, etwa auf bekannte Fotographien. Ähnlich wie in anderen Medien (von den Yananer Reden bis hin zu Propagandapostern) wird Lu Xun während der Mao-Zeit als Schriftsteller dargestellt, der mit seinem Pinsel gegen die Feinde der Kommunisten kämpft. Trotz massiver Kürzungen und Vereinfachung seiner Texte, die den Bedingungen des Mediums geschuldet sind, scheinen noch Ambivalenzen in den Adaptationen durch, gerade auf der Bildebene. Nach der Kulturrevolution treten diese Mehrdeutigkeiten in den Adaptionen noch stärker zuvor und lassen Lianhuanhua-Künstler ihr künstlerisches Selbstverständnis und das während der Kulturrevolution erlittene Leid reflektieren. Hiermit werde ich zweierlei zeigen: Erstens, dass die Ambivalenzen in Lu Xuns Werken gerade auch zu Zeiten intensiver ideologischer Verengung weiterhin sichtbar blieben, und zweitens, dass Lianhuanhua zwar ganz klar ein Teil des Propaganda-Systems der VR China waren, mit denen Wissen, aber auch die korrekte Ideologie vermittelt werden sollten – dass diese beliebten Comics aber immer Künstlern wie Lesern dazu einluden, über die Grenzen des Sagbaren hinaus nachzudenken. Die Transformation der wirkmächtigen Eigenbilder von Lu Xun in Fremdbilder zeigt dies eindrücklich. (Je nach Zusammensetzung des Panels spreche ich auch gerne auf englisch)." |
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Sabine Hinrichs Das „Fremde“ in der Selbstbeschreibung: Darstellungen der mongolischen Yuan-Dynastie (1271–1368) in der republikzeitlichen Historiografie der 1920er bis 1940er Jahre |
"Der Vortrag beleuchtet die Darstellung der mongolischen Yuan-Dynastie (1271–1368) in den Schriften zweier Historiker der Republikzeit. Im Fokus steht die Frage, welche Zugänge sie, im Kontext eines zunehmend nationalistisch geprägten politischen und intellektuellen Diskurses, zur nicht-Han-chinesischen Geschichte wählten, um nicht-Han-chinesische Ethnien narrativ in die chinesische Nation zu integrieren oder aus ihr auszuschließen. Lü Simian 呂思勉verhaftet in Baihua benguo shi 白話本國史 (1923) und Lü zhu zhongguo tongshi 呂著中國通史 (1940/44) – trotz eines Blickes auf die außer-chinesische Dimension der Geschichte des mongolischen Weltreiches (1206–1368) – in einer Han-zentrischen Perspektive und setzt die Herrschaft der mongolischen „Barbaren“ implizit mit der Unterjochung durch den Imperialismus im 20. Jahrhunderts gleich. Gu Jiegang 顧頡剛 interessiert sich in Benguo shi 本国史 (1925) zwar ebenso für die Konstruktion nationaler Geschichte, hebt jedoch den Austausch zwischen unterschiedlichen Ethnien als Grundlage der „chinesischen“ Zivilisation hervor. Die vergleichende Analyse veranschaulicht, welchen Platz Gu „den Mongolen“ innerhalb der chinesischen Geschichte einräumt. Da Allgemeindarstellungen (通史) der nationalen Identitätskonstruktion dienen, ist die Fremdbeschreibung unweigerlich Teil der Selbstbeschreibung. Dies zeigt sich insbesondere, wenn nicht-Han-chinesische Dynastien wie jene der mongolischen Yuan integriert werden müssen. Vor dem Hintergrund unklarer Grenzen und der damit verbundenen Frage der Zugehörigkeit nicht-Han-chinesischer Ethnien zur Nation, sowie beeinflusst vom westlichen und japanischen Imperialismus und einer nach Unabhängigkeit strebenden Mongolei, ist daher die narrative Integration der Mongolenherrschaft in die chinesische Geschichte als Teil der Selbstbeschreibung und Versuch, die Nation zu definieren, zu sehen, was in den untersuchten Werken deutlich wird." |
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Huang Weicheng Image Conflict: Archaeologists brokering local politics? Managing private diggings during Anyang excavations 1928–1937 |
In China today, looters of ancient tombs and archaeological sites are severe criminals who can be sentenced to death. Contrarily, Chinese popular fictions and TV series featured tomb raiders as brave and shrewd heroes and heroines solving mysteries and getting hold of treasures always one step before greedy villains. While looting as phenomenon is almost as old as the looted antiquities, it is the modern values loaded onto the latter, concerning the nation and its science, that are at stake in this contrast of images between state and people. Something is missing: what role do archaeologists play in it? Requesting endorsement and protection from state on the one hand, trying to extinguish illegal diggings by “foolish” and “vicious commoners” (愚民、奸民) on the other, archaeologists nevertheless depended on local informants and labor for excavations and helped lifting the “civilizational” status of localities with their knowledge production. Are they not brokers between “local” and “central” authorities, peasants and officials, as much as the latter play go-betweens for archaeology? Using archival documents of Anyang Expeditions of Academia Sinica 1927–1937, I explore how ROC’s first archaeologists, aiming at monopolizing excavation right against Anyang natives’ “private” or “looting” diggings (私掘、盜掘), tried to ally themselves with various actors from villagers, local authorities, armed forces, media, to central commissioners. Purpose of this tentative research is to discuss whether despite their declared disinterest in antiquarianism, archaeologists became brokers in local politics of mining antiquities. |
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Shunhua Jin Temple Roof or Dome? Chinese Mosques between Essentialist Visions and Invented Narratives |
"In recent years, the Sinicisation of religion has become a central focus of political campaigns in China, particularly with regard to Islam. One key emphasis has been on promoting “a stronger Chinese style with more distinctive Chinese characteristics in architecture, clothing, and religious rituals.” As a result, many Chinese mosques have been “renovated” in recent years—most notably by replacing domes with temple-style roofs in line with traditional Chinese architectural forms. This paper explores the historical relationship between two overlapping and often conflicting visual narratives: what is considered “Chinese” and what is considered “Islamic”. Domed mosques in China are frequently referred to as having an “Arab style”, both in public discourse and academic literature. This style is associated with two key historical periods: the first during the 19th century and the Republican era, when Chinese Muslims began traveling to the Ottoman Empire—which then ruled Mecca—and when domed mosque architecture became widespread across the Islamic world. A second wave emerged after the 1980s, when Chinese Muslims gained more opportunities to travel to Saudi Arabia, further reinforcing the association between domes and Arab-Islamic architecture. The adoption of domes as a defining feature of mosques reflects a form of essentialism in religious symbolism. Conversely, China’s promotion of temple-style architecture as a symbol of national identity represents an “essentialism of Chinese architecture” that overlooks the historical diversity of architectural forms in China and restricts the potential for architectural plurality. While many historical mosques in China, such as the Niujie Mosque and the Great Mosque of Xi’an, feature similarities to Buddhist and Taoist temples, not all were constructed using timber-frame techniques. The Qingjing Mosque in Quanzhou, for instance, was built from stone in the 14th century, while the Phoenix Mosque in Hangzhou features a domed brick structure. These architectural choices and reconstructions reflect the evolving identity of Sinophone Muslims. In today’s China, then, are Chinese Muslims still “familiar strangers” ?" |
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Julia Karst „Ich warte im Grasland auf dich!“: Selbstdarstellung ethnischer Minderheiten zwischen Authentizität und Selbst-Orientalisierung |
"Chinesische Influencer:innen, die auf westlichen Medienplattformen aktiv und erfolgreich sind, sind schon lange keine Seltenheit mehr. So zeigten Berühmtheiten wie Li Ziqi 李子柒 deutlich auf, dass sich auch ein nicht-chinesisches Publikum von der idyllisch anmutenden Natur des ländlichen Chinas faszinieren lässt. Das Potential solcher, von Privatpersonen ausgehender, Videoinhalte blieb auch der Parteispitze nicht verborgen, die sich ganz nach dem Motto „Telling China’s story well“ (讲好中国故事) erhoffte, durch die Einbindung inoffizieller Akteure die chinesische Soft Power auszuweiten und mehr Zuschauer von der Schönheit des Landes und seiner Kultur überzeugen zu können. Seit einigen Jahren hat sich eine neue Gruppe diesem Trend angeschlossen. Es handelt sich um eine Reihe von überwiegend jungen Frauen, die offiziell anerkannten ethnischen Minderheiten der Volksrepublik angehören und über Videoplattformen Einblicke in ihren Alltag bieten. Auf diese Weise hoffen sie, ihre Zuschauerschaft über das Leben der ethnischen Minderheiten aufzuklären und zeigen daher Natur und Städte ihrer jeweiligen Provinz, sprechen Stereotype und häufige Fragen an oder teilen persönliche Details aus ihrem Leben. Doch inwiefern zeigen sich die Personen dabei wirklich authentisch, wie viel ist inszeniert? Gelingt ihnen der Versuch einer Aufklärung oder werden ihre Videos doch von einer – bewusst oder unbewusst eingesetzten – Selbst-Orientalisierung überschattet? ## Um diese Fragen zu beantworten, untersucht dieser Beitrag ebendiese Selbstdarstellung der ethnischen Minderheiten auf dem US-amerikanischen Videoportal YouTube. Dabei werden anhand von Fallbeispielen junger weiblicher Influencerinnen aus allen Ecken des Landes, inklusive Grenzregionen wie Tibet oder der Inneren Mongolei, die Videoinhalte, sowie die Reaktion der Zuschauerschaft analysiert." |
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Henning Klöter Zwischen Mission und Missverständnis: Das "Bocabulario de la lengua sangleya" als sprachlich-kulturelles Zeugnis kolonialer Begegnung |
Das "Bocabulario de la lengua sangleya", ein im 17. Jahrhundert auf den Philippinen handgeschriebenes chinesisch-spanisches Wörterbuch, dokumentiert den südchinesischen Hokkien-Dialekt (Minnan) in bemerkenswerter Detailgenauigkeit. Neben einer Vielzahl von Wortschatzeinträgen enthält es zahlreiche Hinweise zur Aussprache sowie Beispielsätze, die Rückschlüsse auf Alltagssprache, soziale Kontexte und kulturelle Deutungsmuster in Bezug auf die damalige chinesische Community – vor allem der Händlergemeinschaft – zulassen. Der Vortrag stellt das Bocabulario als ein zentrales Dokument der Missionslinguistik in Asien vor und beleuchtet es aus sprachwissenschaftlicher wie interkultureller Perspektive. Besonderes Augenmerk gilt der Frage, wie sprachliche Beschreibung immer auch kulturelle Deutung transportiert: Der kolonial geprägte Blick der Missionare auf das "Fremde" zeigt sich nicht nur in der Auswahl der Begriffe und Beispiele, sondern auch in der Art und Weise, wie kommunikative Praktiken beschrieben und bewertet werden. Zugleich wirft die Analyse die Frage nach Positionalität und Deutungsmacht auf: Wer spricht hier über wen – und mit welchem Ziel? Der Vortrag diskutiert daher auch, inwiefern das Bocabulario als Quelle kritisch gelesen werden muss, um nicht nur sprachliche, sondern auch kolonial-kulturelle Dynamiken frühneuzeitlicher Begegnungen sichtbar zu machen. |
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Virginia Leung Der Konsum des „Anderen”. Kannibalismus und Transgression in Lilian Lees Roman „Jiaozi” (Dumplings) |
"In dem 2006 erschienenen Roman „Jiaozi” der Hongkonger Autorin Lilian Lee wird die makabre Geschichte der weiblichen Verjüngung erzählt, die mit dem Verzehr menschlicher Föten erkauft wird. Die Protagonistin, eine verheiratete Frau mittleren Alters aus der Hongkonger Oberschicht, sieht in Jugend und Schönheit die einzigen Mittel, um das Herz ihres Ehemannes zurückzuerobern. Dafür verzehrt sie eine teure und seltene Delikatesse von Tante Mei: illegal abgetriebene menschliche Föten vom chinesischen Festland, die sie nach Hongkong schmuggelt und in Form von Hackfleisch zu köstlichen Teigtaschen verarbeitet. Im Laufe der Geschichte entwickelt die Protagonistin ein unstillbares Verlangen nach dem Konsum von Föten. Der „Gourmet-Kannibalismus"" im Roman verdeutlicht den Warenfluss zwischen China und Hongkong, der durch das regelmässige Pendeln und das Überschreiten der durchlässigen Grenze zwischen China und Hongkong entsteht, wenn Tante Mei Föten vom Festland schmuggelt. Es zeigt nicht nur die wirtschaftliche Verflechtung von China und Hongkong, sondern auch die ideologische und diskursive Symbiose der beiden. Der Vortrag diskutiert den medizinischen Kannibalismus in der chinesischen Literatur, der im Roman „Jiaozi” eine Rolle spielt. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob diese „kannibalistische Beziehung” das Aushandeln der post-Handover Hongkonger Identität widerspiegelt und inwieweit Transgression Teil dieser Identität ist. Erst mit dem Überschreiten wird der Transfer von Konsum, illegalen Handlungen, politischen Ideologien sowie Diskurse über Nationalität und Identität möglich. " |
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Li Shuwei Die Rezeption Heinrich Bölls in China. Zwischen Selbstverortung und Fremdwahrnehmung |
"Wer den Anderen liest, liest immer auch sich selbst. Die fast siebzigjährige Übersetzungs- und Rezeptionsgeschichte Heinrich Bölls in China bietet ein eindrucksvolles Beispiel für dieses Spannungsverhältnis zwischen Fremd- und Selbstbild. Bereits in den 1950er und 60er Jahren, als westdeutsche Literatur in der Volksrepublik offiziell als „bürgerlich-dekadent“ abgelehnt wurde, war es ausgerechnet Böll, der dem chinesischen Lesepublikum im Vergleich zu seinen Zeitgenossen am frühesten vorgestellt wurde. Seine Kapitalismuskritik und moralische Haltung ließen sich gut mit dem sozialistischen Literaturverständnis verbinden und machten ihn zu einer „brauchbaren Stimme“ im ideologischen Literaturdiskurs. Nach dem Ende der Kulturrevolution wurden Böll und seine Trümmerliteratur zu einem naheliegenden Bezugspunkt für chinesische Schriftsteller, die nach neuen Ausdrucksformen suchten, um das Erlebte literarisch zu verarbeiten. Bis ins 21. Jahrhundert hinein behalten Bölls Werke in China ihre Aktualität: Texte wie Die verlorene Ehre der Katharina Blum entfalten angesichts von Debatten über Medienmacht, Meinungskontrolle und gesellschaftliche Polarisierung eine besondere Relevanz. Wie wird ein deutscher Autor wie Böll – Literaturnobelpreisträger, „das Gewissen der Nation“, ein politisch engagierter Schriftsteller – in einem kulturell und politisch völlig anders gelagerten Kontext gelesen, verstanden und umgedeutet? Welche Auswahl-, Übersetzungs- und Deutungspraxen prägen diese Rezeption und was verraten sie über die kulturelle Selbstverortung Chinas? Ausgehend von diesen Fragen widmet sich mein Vortrag der Rezeptionsgeschichte Bölls in China. Anhand ausgewählter Beispiele wird gezeigt, wie literarische Übersetzung und Rezeption zu dynamischen Orten werden, wo Bilder des Eigenen und des Fremden im interkulturellen Austausch verhandelt, gespiegelt oder neu gerahmt werden.
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Li Yixin Ein Selbstbild chinesischer Gemeinschaften aus Sichtweise des Personalpronomens wo: Eine ethnolinguistische Analyse |
"Das Thema der „Selbstbilder“ und „Fremdbilder“ kann auf sprachwissenschaftlicher Ebene begegnet werden, indem der Gebrauch und historische Wandel der Personalpronomen der ersten Person in der chinesischen Sprache näher untersucht wird. Herr Dr. Meng (Meng, Dehong) Beijing Foreign Studies University |
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Lena Liefke Auf dem Weg zur Systematisierung der chinesischen Kampfkunst? — Einblicke in die annotierte Übersetzung und linguistische Glossierung des mingzeitlichen „Leitfaden zum Schwert(kampf)“ (Jianjing 劍經) |
Trotz seiner nachweisbaren Rezeption innerhalb der Militär- und Kampfkunstgeschichte Chinas sowie seiner „Wiederbelebung“ im Rahmen rezenter Kampfkunstforschung in China findet der mingzeitliche „Leitfaden zum Schwert(kampf)“ (Jianjing 劍經), der dem Militär-General Yu Dayou 俞大猷 (1503‒1579) zugeschrieben wird, bisher wenig Beachtung in der (deutsch- und englischsprachigen) sinologischen Forschung. In der chinesischen, tendenziell sportwissenschaft- und militärgeschichtlichen Sekundärliteratur gilt er als erste systematische, umfassende Abhandlung über die Theorie der Angriffs- und Verteidigungskunst mit dem Stock. Das Jianjing ist als Teil einer größeren Anzahl von militär- und kampf(kunst)technischen Texten sowie Textsammlungen der Zeit zu betrachten. Diese deuten insgesamt auf eine Systematisierung im Rahmen des militär- und kampf(kunst)technischen Wissens in der Ming-Zeit (1368-1644) hin. Wie weit sich die (postulierte) Systematisierung sprachlich niederschlägt, ist eine der zentralen Fragen des hier präsentierten Dissertationsvorhabens. Die Grundlage der Arbeit bildet die annotierte Übersetzung und linguistische Glossierung des Textes, die im Vortrag anhand von ausgewählten Beispielen demonstriert wird. Ausgehend von chinesischsprachiger Sekundärliteratur zu den „Grenzen der Übersetzbarkeit“ chinesischer Kampfkünste (Wushu 武术) legt der Vortrag besonderes Augenmerk auf die Herausforderungen, die der Text durch seinen fachtextsprachlichen, stark formulaischen, und performativen Charakter an die Übersetzung und linguistische Glossierung stellt. |
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Liu Huiru Das Selbstverständnis der „chinesischen Lehre“ (zhongxue 中学) vor dem Hintergrund der „westlichen Lehre“ (xixue 西学) |
"Dieser Vortrag untersucht Marguerite Duras’ Der Liebhaber im Licht von Homi Bhabhas Konzept des „dritten Raums“ und fragt nach den Mechanismen von Selbst- und Fremdbildkonstruktionen im kolonialen Kontext. Der Roman zeigt exemplarisch, wie das europäische Chinabild von orientalistisch geprägten Fremdzuschreibungen bestimmt wird und zugleich durch Duras’ Erzählstrategien kritisch reflektiert wird. Besonders deutlich wird dies in drei Szenen: In der erotischen Initiation wird Berührung zur grenzüberschreitenden Sprache, die starre Rassenkategorien durchkreuzt. Im Restaurant-Drama entlarvt die erzwungene Gleichgültigkeit der Erzählerin die Heuchelei kolonialer Moral, während Erinnerung diese performative Lüge dekonstruiert. In der Prügel-Szene wird ein erzwungenes Leugnen der Beziehung in der späteren Niederschrift widerrufen, sodass Schrift zum Raum wird, in dem verbotene Wahrheit überlebt. So eröffnet der Roman einen „dritten Raum“, in dem die unterdrückte Intimität zwischen Marginalisierten eine Stimme erhält. Zugleich wird sichtbar, dass jedes Bild des Anderen auch eine Selbstbeschreibung ist: Die Figur des chinesischen Liebhabers offenbart die kolonialen Projektionen Europas, während die Darstellung der Familie der Erzählerin die moralische Korruption der Kolonisatoren enthüllt. Damit verknüpft der Text die Reproduktion und Dekonstruktion westlicher Chinabilder mit einer kritischen Selbstreflexion – eine Dynamik, die für heutige Debatten über Orientalismus, Fremdzuschreibungen und das europäische Chinabild von Aktualität bleibt." |
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Liu (Braci) Yunqiao Familial Death in Ba Jin’s (1904-2005) ‘My Family’ (2015) and its Narrative Significance |
"In my presentation, I focus on one chapter of my dissertation, which examines portrayals of children’s experiences in autobiographical narratives from Republican-era China. The chapter presented here focuses on children’s emotional states, through a case study of Ba Jin’s memories of familial deaths in his autobiography My Family. Herein, I aim to show how Ba Jin’s parents’ deaths function as triggers for his childhood recollections and as catalysts for reconstructing his identity? And how are depictions of grief and emotional experiences central to shaping the author’s self? The death of a loved one is significant for the entire family but also deeply personal. The family serves as the context, where children weave together happy memories of past events and also encounter challenges like death. Such a loss can have a profound impact on children, profoundly shaping individuals’ memories of childhood experiences and later development. Ba Jin’s My Family vividly recounts familial deaths, describing his profound sorrow at becoming motherless and memory of his mother’s nurturing love, and his father’s death as a devastating blow coinciding with his own declining health, narrating feelings of being adrift and moments of hallucinating his father’s presence amidst profound loneliness. It revealed diverse emotional portrayals of grief from sadness, shock, and terror, to a sense of unreality and calm. This paper argues that autobiographies do not merely record childhood loss but moreover actively reconstruct its memory, as seen in Ba Jin’s portrayal of familial death, which transcends emotional recollection to reshape a lost past and his own life narrative. " |
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Ma Tianhui How did the violent image of Liangshan Nuosu take shape in the late Qing period and beyond? |
"In the nineteenth century, Western missionaries described Liangshan Nuosu, on the southern Tibetan Plateau, as the “Independent Lolos,” praising their courage and candor. In stark contrast, late Qing officials labeled them guoluo (猓猡, “ape-like beings”), depicting them as a violent people who raided neighbors for captives and plundered property. Since the twentieth century, Chinese ethnographers have reinforced this image, portraying Liangshan Nuosu as prone to kidnapping, backwardness, superstition, and armed strife—an image that endures today. This article seeks to reconstruct the full social context of Liangshan in the late Qing, when the Nuosu’s image as “violent” first took shape, and to demonstrate that violence was deeply embedded in the region’s socio-economic and cultural structures.Captive-taking functioned as a form of violent economy, while Nuosu were far from the only agent of such violence. Local gentry, militias, and officials leveraging imperial power often engaged in kidnapping and robbery, and landless migrants and underpaid soldiers frequently collaborated with Nuosu and neighboring Xifan groups. What appeared as a sharp Han–Yi divide was in reality a complex, fluid web of relations. The repeated portrayal of Nuosu as the most violent actors stemmed from multiple factors: the state and dominant groups legitimizing imperial military force, Han immigration and resource inequality pushing Nuosu into predatory economies, resilient kinship networks that resisted Qing conquest and sought vengeance, and so the reinforcement of a “martial” image through such acts of resistance, and the absence of textual authority through which Nuosu could defend themselves. These dynamics embedded Nuosu’s violent image within broader structures of power, economy, and discourse." |
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Ma Tianji Stein gewordene Spiegel: Selbst- und Fremdbilder an der Nestorianischen Stele |
"Die Nestorianische Stele (781) bietet ein einzigartiges Prisma transkultureller Selbst- und Fremdbeschreibungen zwischen China und der christlichen Welt. Als materielles Zeugnis frühmittelalterlicher Interaktion artikuliert sie einerseits das Selbstbild der Jingjiao-Gemeinschaft: eine theologische und kulturelle Selbstvergewisserung in der Tang-Dynastie, die sich durch bewusste kulturelle Übersetzung – von daoistischen und buddhistischen Begriffen bis zu konfuzianischer Ethik – in das chinesische Bedeutungsfeld einschreibt. Gleichzeitig wird die Stele seit ihrer Wiederentdeckung im 17. Jahrhundert zur Projektionsfläche westlicher Fremdbilder: von jesuitischer Legitimation und aufklärerischer Skepsis bis hin zu kolonialer Aneignung und globaler Musealisierung. Die Analyse versteht die Stele im Horizont des material turn als „palimpsestisches Diskursobjekt“, das Selbst- und Fremdbilder nicht nur dokumentiert, sondern aktiv produziert. Ihre Geschichte oszilliert zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Aneignung und Abwehr, nationaler Selbstbehauptung und globaler Rezeption. So wird deutlich, dass Selbst- und Fremdbeschreibungen nicht getrennte Sphären bleiben, sondern sich an materiellen Objekten verschränken und gegenseitig verstärken. Die Nestorianische Stele fungiert damit als transkultureller Spiegel, der historische und gegenwärtige Aushandlungen von Identität, Hybridität und Deutungshoheit exemplarisch verdichtet." |
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Damian Mandzunowski Wie sehen unsere Feinde aus? Die Konstruktion von Fremdbildern in sozialistischen Comics (Lianhuanhua) der Mao-Ära |
„Wer sind unsere Feinde? Wer sind unsere Freunde? Das ist eine Frage, die für die Revolution erstrangige Bedeutung hat.“ Diese bereits 1926 von Mao Zedong formulierte Maxime wurde nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 zur Grundlage einer systematischen Aufspaltung der Gesellschaft in Freunde und Feinde. Auch wenn nicht alle Fremde sofort Feinde waren, war dennoch solch ein Freund-Feind-Denken, das Mao 1957 als Konzept der „antagonistischen Widersprüche“ erneut theoretisch untermauerte, ein zentrales Element der maoistischen Realität: die Formierung eines neuen sozialistischen Subjekts und Kollektivs war schlechthin untrennbar mit der Abgrenzung von ihren „Anderen“ verbunden. Dieser Beitrag greift die symbiotische Dichotomie von Selbst-/Fremd- und Feind-/Freundbildern auf, indem untersucht wird, wie chinesische Comics (lianhuanhua) während der Mao-Ära durch eine visuelle Konstruktion von Fremdbildern ein ebenso klares revolutionäres Selbstbild schufen. Anhand von Debatten in Comic-Zeitschriften der 1950er-Jahre und Anleitungen zum Zeichnen sowie internen Referenzmaterialien aus den 1960er- und 1970er-Jahren wird nachgezeichnet, wie ein standardisiertes visuelles Vokabular zur Darstellung von Klassenfeinden, Reaktionären, Verrätern und ausländischen Gegnern entwickelt wurde. Dies geschah parallel zu ähnlichen Debatten und Tests in Bezug auf die Selbstdarstellung der revolutionären Klassen. All diese visuellen Stereotype übersetzten abstrakte politische Dichotomien in konkrete, leicht verständliche Narrative für das breite Lesepublikum der Comichefte. Durch eine Analyse exemplarischer Comics im Kontext ihrer Entstehung zeigt der Beitrag nicht zuletzt, wie das konstruierte Feindbild gezielt zur Affirmation des maoistischen Staates und seiner Subjekte diente. Die dargestellten Antagonisten fungierten als negative Vorlage, die im Umkehrschluss die Tugenden des idealen sozialistischen Bürgers – das erwünschte maoistische Selbstbild – umso deutlicher positiv hervorhob. |
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Stefan Messingschlager Von Projektionsfläche zur Erfahrungswirklichkeit: Der diskursive Bruch im westlichen Chinabild zwischen den 1960er und 1970er Jahren |
"Bis zur Öffnung der Volksrepublik China Anfang der 1970er Jahre blieb das Land in westlichen Gesellschaften weitgehend eine imaginierte Größe. Aufgrund der faktischen Unzugänglichkeit Chinas entstanden Chinabilder, die primär Ausdruck der Ängste, Hoffnungen und politischen Selbstverortungen ihrer Urheber:innen waren. Die scheinbare Leerstelle „China“ füllte sich diskursiv mit widersprüchlichen Zuschreibungen: Während konservative Stimmen das maoistische China dämonisierten, idealisierten linksgerichtete Kreise dasselbe als politische Utopie. Fremdbeschreibungen erwiesen sich somit stets zugleich als Formen diskursiver Selbstvergewisserung. Die vorsichtige Öffnung Chinas und der dadurch ermöglichte direkte Kontakt führten in den frühen 1970er Jahren zu einem grundlegenden Wandel. Westliche Deutungen mussten sich nun erstmalig unmittelbar an der erfahrbaren Realität Chinas messen lassen, was die diskursive Praxis nachhaltig veränderte. China erschien nicht mehr ausschließlich als symbolisches Gegenüber, sondern zunehmend als Gegenstand empirisch überprüfbarer Erkenntnis. Zugleich trat die chinesische Seite als Akteurin auf, die das westliche Fremdbild durch strategische Selbstpräsentation mitprägte. In diesem Prozess verengten sich die Spielräume projektiver Zuschreibungen, zugleich aber gewann die systematische Vermittlung von China als neue Form institutionalisierter Expertise an Bedeutung. Der Beitrag analysiert diesen diskursiven Bruch zeithistorisch und diskursanalytisch anhand westlicher Zeitungsartikel, Reiseberichte und politischer Publizistik der 1960er und 1970er Jahre. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie und weshalb sich die Deutungspraxis von einer politischen Projektionslogik hin zu einer stärker realitätsgebundenen „China-Expertise“ wandelte. Indem dieser Wandel in Beziehung zum im Tagungscall formulierten Wechselspiel zwischen Selbst- und Fremdbeschreibungen gesetzt wird, reflektiert der Vortrag zugleich methodisch anspruchsvoll, wie Diskurse des „Anderen“ entstehen, sich transformieren und schließlich neue Standards epistemischer Autorität hervorbringen." |
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Christine Moll-Murata Kang Youwei und der Mann mit dem Turban |
Im Jahr 1919 hinterließ Kang Youwei auf einem Bild der Qianlong-Zeit eine Spur, die in diesem Vortrag verfolgt wird. Das Porträt eines Würdenträgers aus Turkestan rief Sympathie und Bedauern bei dem Philosophen und Politikberater Kang hervor. Der Porträtierte war während der Niederschlagung der Aufstände der Dsungaren und der muslimischen Machthaber im südlichen Xinjiang in den Jahren 1755 bis 1760 aktiv und zeigte sich dabei als qingloyal. In diesem Vortrag wird seine Rolle in diesen Kämpfen kurz skizziert, die zur Unterwerfung des nördlichen und südlichen Xinjiang unter die Qingdynastie führten. Daran schließt sich eine Betrachtung der Ideen und Vorschläge in den letzten Jahren der Qingdynastie an, nachdem Xinjiang der Status einer Provinz verliehen worden war. In den Diskussionen um die Verwaltung dieser westlichsten Provinz vertraten die politischen Denker Kang Youwei und Tan Sitong eine vom inklusiven Modell abweichende Meinung. Von beiden sind Äußerungen überliefert, in denen sie vorschlugen, Xinjiang an Russland und Tibet an Großbritannien abzutreten. Solche Überlegungen, welche ethnischen Gruppen zur chinesischen Nation gehören sollten und auf welche „Fremden“ verzichtet werden könne, werden in den weiteren Kontext der Herausbildung des chinesischen Nationalstaats eingeordnet. Schließlich kommt der Vortrag auf die Frage zurück, warum Kang Youwei bei der Betrachtung des abgebildeten Manns mit dem Turban sein Mitgefühl äußerte. |
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Matthias Niedenführ „Der konfuzianische Unternehmer“ als Gegenmodell zum Westen? Wirtschaftsethik und kulturelle Selbstverortung in China und Südostasien |
"Seit dem späten 20. Jahrhundert findet in China und Südostasien ein intensiver Austausch zwischen Unternehmern aus der Volksrepublik China und Geschäftsleuten chinesischer Diaspora (huashang) auf Foren und in Businessnetzwerken statt. Dabei wird ein gemeinsames kulturelles Erbe betont und Managementpraktiken entwickelt, die sich auf wirtschaftsethische Konzepte aus Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus stützen. Diese Ideen verdichten sich im Selbstbild des „konfuzianischen Unternehmers“ (rushang). In Vorträgen, Artikeln und Social-Media-Beiträgen – sowohl von Unternehmern selbst als auch von akademischen Diskursteilnehmern – wird der Anspruch formuliert, ein innovatives, ethisch fundiertes Gegenmodell zum westlichen Unternehmertypus zu verkörpern. Unternehmer wie Ren Zhengfei (Huawei) und Mao Zhongqun (Fotile) werden in diesem Diskurs als Vorbilder für sozial verantwortliches, patriotisches und ethisch orientiertes Wirtschaften hervorgehoben – teils auch mit Unterstützung offizieller Stellen. Der Autor hat zwischen 2013 und 2024 an zentralen Veranstaltungen wie dem Discourse on Confucian Entrepreneurship, dem Bo’ao Forum for Confucian Entrepreneurs sowie dem Forum on Confucius and Entrepreneurs (Kuala Lumpur) teilgenommen und dutzende Interviews in Vorzeigeunternehmen in China geführt. Der Beitrag untersucht Reden, Textquellen und Interviewaussagen im Hinblick auf folgende Fragen: • Welches Bild des „konfuzianischen Unternehmers“ wird von wirtschaftlichen und akademischen Akteuren auf Foren und in Unternehmen gezeichnet? • Inwieweit ist dieses Bild nationalistisch geprägt – im Sinne des Diskurses um „nationale Erneuerung“ und „ethnische Geschlossenheit“ – oder offen und transkulturell, im Sinne von Tu Weimings Konzept „Cultural China“? • Wird das Bild des amoralischen, egoistischen Unternehmers als negatives Fremdbild auf westliche Akteure projiziert? • Findet eine differenzierte Debatte statt, in der Ethik, soziale Verantwortung und Gemeinwohlorientierung als universelle Werte jenseits kultureller oder nationaler Zuschreibungen verhandelt werden?" |
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Max Oidtmann Speaking Barbarian and Speaking Confucian: Strategic Self-Representation in the Sino-Tibetan Borderlands |
In the eighteenth and nineteenth centuries, Tibetan and Mongol elites in Qinghai and Gansu made extensive use of Qing administrative institutions and agents to resolve local conflicts. When litigating their claims, they strategically employed a variety of sometimes conflicting cultural narratives, both about themselves and the Qing state. To the consternation of Qing magistrates, Tibetan and Mongol elites could speak both “barbarian” and “Confucian,” in the process manipulating both their own and the state agents’ expectations of just what “Tibetan,” "Mongol," and “Chinese” cultures should do. Using a case study of a specific Mongol-Tibetan conflict from the Guangxu period, this paper explains how legal conflicts simultaneously established patterns of the imperial state’s involvement in the local affairs of China’s Inner Asian borderlands, but also reified and objectified notions of difference between “Tibetans” and “Chinese.” Both trends would prove to be of enormous significance to the development of new states in twentieth-century China and Tibet. |
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Katja Pessl / Julia Schneider Mandschurische Militärgesetze: Von Pferden, Träumen und Regen |
Es ist eine Binsenweisheit, dass Armeen aufgrund der ständigen Ausnahmesituation, in der sie sich befinden, besonderer Regulierung bedürfen. Heute wird dies in vielen Staaten über Wehrverfassungen geregelt. Im Falle der mandschurischen Herrschaft wurden solche Regulierungen zunächst direkt auf dem Schlachtfeld von Kaisern formuliert und dann schriftlich festgehalten. Im 18. Jahrhundert erfolgte eine Systematisierung bestehender Regeln. Dabei sind besonders zwei Regelwerke, die vom Yongzheng- bzw. Qianlongkaiser verabschiedet wurden, hervorzuheben: die „Militärgesetze“ (Ma. Coohai fafun, Ch. Junling 軍令, 1731) und die „zweisprachigen mandschurisch-chinesischen Gesetze und Statuen für Infanteriesoldaten“ (Ma. Manju nikan hergen i kamciha araha cooha yabure fafun kooli, Ch. Man-Han hebi xingjun jilü 滿漢合璧行軍紀律, 1784). Beide richteten sich an die verschiedenen Militärorgane des Qing-Reichs (1636-1912), also mandschurische und mongolische Banner- und chinesische Gründe Standardsoldaten. |
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Marco Pouget „Duftender Wind aus Chang’an“: Die Darstellung der Heiratspolitik des Tang-Hofes mit den Uighuren |
Diese Studie beleuchtet das chinesische Selbst- und Fremdbild gegenüber den Uighuren (Huihu 回鶻) im Spiegel von Hofdichtung, Geschichtsschreibung, Briefwechseln und einem japanischen Reisebericht. Das uighurische Reich hatte den Tang-Hof während der An Lushan安祿山 Rebellion militärisch unterstützt, weswegen das diplomatische Verhältnis von einer Verpflichtung zur Dankbarkeit, aber auch Antipathie auf Grund der uighurischen Plünderung Chang’ans, sowie einem Gefühl der kulturellen Überlegenheit der chinesischen Zivilisation geprägt war. Zugleich wurde die militärische Überlegenheit der Uighuren argwöhnisch beobachtet. Diese Studie zeichnet beispielhaft die Verheiratung der Taihe太和-Prinzessin im Jahre 821 und die Darstellung dessen in verschiedenen Schriftquellen nach. Den Anlass begleitende Gedichte der Hofpropaganda befeuern Stereotype über die Uighuren. Briefwechsel mit der Taihe-Prinzessin wiederum zeugen von der Unkenntnis des Tang-Hofes über die tatsächliche Lage im uighurischen Reich. Und historiographische Schriften, wie auch der Reisebericht des japanischen Mönchs Ennin 圓仁 (794–864), berichten letztlich von einem Massaker an den Uighuren und der Rückführung der Prinzessin nach China. Je nach Quellengattung changiert das Bild der Prinzessin von einem Spielball der Mächte zu einer Vermittlerin chinesischer Interessen. Im literarischen Motiv ihrer Person drücken sich somit zwischen Eigenwahrnehmung und Faktenlage ebenso aus wie das Ringen um eine Koexistenz mit „dem Anderen“. |
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Qi Cheng Zur Translation des „Westens“ in China im frühen 20. Jahrhundert: Eine Fallstudie zu John Deweys Chinareise (1919-1921) |
Der Begriff des „Westens“ war stets einem Prozess des Wandels unterworfen. Auch in den Augen chinesischer Intellektueller des frühen 20. Jahrhunderts besaß der Westen kein einheitliches Bild. Einerseits galt er als Inbegriff des wissenschaftlichen, demokratischen und liberalen modernen Staates, als Vorbild für Chinas eigene Reform- und Modernisierungsbestrebungen; andererseits erschien er insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg als ein von Zerstörung und Desillusionierung gezeichnetes Europa, in dem der Glaube an die „Allmacht der Wissenschaft“ zerbrochen war. Vor diesem Hintergrund wurden der amerikanische Pragmatist John Dewey und der britische Philosoph Bertrand Russell nach China eingeladen, um dort Vortragsreisen zu unternehmen. In der vorliegenden Untersuchung wird am Beispiel von Deweys Chinareise analysiert, wie der Begriff des „Westens“ im frühen 20. Jahrhundert in China konstruiert und wie er im Verlauf von Deweys Aufenthalt neu ausgelegt und transformiert wurde. Dabei steht insbesondere die Rolle von Hu Shi - Deweys Schüler, Dolmetscher und eine der führenden Persönlichkeiten der Neuen Kulturbewegung - im Mittelpunkt. Es soll gezeigt werden, in welcher Weise Hu Shi an der diskursiven Konstruktion des Westens beteiligt war und wie er die Vermittlung und Rezeption von Deweys Denken in China beeinflusste und gestaltete. |
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Agota Revesz Das Bild Chinas in den deutschen Medien – Veränderungen zwischen 2018 und 2024 |
"Diese Studie, die gerade von einer englischsprachigen Fachzeitschrift angenommen wurde, befasst sich mit der Veränderung des China-Bildes in den deutschen Medien zwischen 2018 und 2024. Ziel der Studie war es, die anekdotische Wahrnehmung zu überprüfen, dass sich die Darstellung Chinas in den deutschen Medien in den letzten Jahren ins Negative verschoben hat. Die quantitative Analyse, die unter Verwendung der GENIOS-Datenbank durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass im Zeitraum von 2018 bis 2024 das Rivalitäts-Framing oder sogar dessen noch schärferer Fokus auf „nationale Sicherheit” zur gängigen Interpretation der Beziehungen zu China in den deutschen Nachrichtenmedien geworden ist. Bedenken hinsichtlich Spionage oder wirtschaftlicher Abhängigkeit sind zu zentralen Themen in der Berichterstattung über China geworden. Diese Bedenken mögen durchaus berechtigt sein, doch stellt sich die Frage, ob die Dominanz des Rivalitäts-Framings dazu beiträgt, die Probleme zu lösen, mit denen Unternehmen oder Hochschulen und Forschungseinrichtungen täglich konfrontiert sind. Darüber hinaus überschattet das Bild eines „rivalisierenden Chinas” derzeit andere potenzielle Aspekte des Landes oder unserer Beziehungen zu ihm. Dies wirft die Frage auf, wie China-Forschungsergebnisse in die Medien einfließen könnten. Am Ende der Präsentation werde ich auch unser Pilotprojekt innerhalb des „China in Europe Research Network“ vorstellen, in dem wir China-Forschern die Möglichkeit geben, ihre Ergebnisse Journalisten und auch einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Obwohl die vermittelten Bilder von China heutzutage weitgehend politisch geprägt sind, könnten zugängliche Forschungsergebnisse zu einer ausgewogeneren Berichterstattung beitragen. " |
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Marina Rudyak „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“: Der chinesische Traum für alle? Chinas strategisches Selbstbild als globale Ordnungsvorstellung |
"Im offiziellen Narrativ der chinesischen Regierung steht die Menschheit „am Scheideweg der Geschichte“, konfrontiert mit „tiefgreifenden Veränderungen, wie sie sein einem Jahrhundert nicht erlebt wurden“. Die von der Pax Americana geprägte „sogenannten ‚regelbasierten internationalen Ordnung‘“ (所谓“基于规则的国际秩序”) sei außerstande, adäquate Antworten auf die zentralen Herausforderungen der Menschheit zu liefern. Als Antwort wird die „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ als alternative Vision einer gerechteren, inklusiveren und souveränitätsorientierten Weltordnung präsentiert – verbunden mit dem Anspruch, einen „wahren Multilateralismus“ (真正的多边主义) zu verkörpern. Der Beitrag analysiert die Evolution der „Schicksalsgemeinschaft“ vom erstmals 2012 erwähnten Slogan (18. Parteitag 2012) zum Leitmotiv der chinesischen Außenpolitik (Zentrale Außenpolitik-Konferenz 2023). Er verfolgt, wie sie sich von rhetorischer Chiffre zu einem strategischen Narrativ (Miskimmon et al. 2013) formierte – verstanden als Mittel zur Konstruktion gemeinsamer, alternativer Deutungen internationaler Politik, das Wahrnehmungen, Überzeugungen und Handeln internationaler Akteure gezielt beeinflusst soll. Die drei zwischen 2021 und 2023 von der chinesischen Führung verkündeten Initiativen Globale Entwicklungsinitiative (GDI), Globale Sicherheitsinitiative (GSI) und Globale Zivilisationsinitiative (GCI) bilden offiziell die Säulen der neuen Weltordnungsvision. Sie knüpfen an Chinas historisch gewachsene Beziehungen zum Globalen Süden an und rekurrieren dessen Kritik an der bestehenden multilateralen Ordnung, um ihr eigenes Ordnungsnarrativ zu legitimieren: Die GDI stellt dominante entwicklungspolitische Paradigmen infrage, insbesondere das Primat von guter Regierungsführung vor Infrastrukturentwicklung; die GCI relativiert universelle Menschenrechte zugunsten nationaler Auslegungen; und die GSI kritisiert westliche Bündnislogiken und fordert „gemeinsame Sicherheitskonzepte“. Der Beitrag zeigt, wie die „Schicksalsgemeinschaft“ als strategisches Narrativ nicht nur das chinesische Regierungsmodell ideologisch legitimiert, sondern zugleich als Instrument dient, um westlich dominierte Ordnungskonzepte herauszufordern und alternative Norminterpretationen zu etablieren. " |
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Agnes Schick-Chen Unversöhnliche Identitäten? – Nachgedanken zur Übersetzung von Ye Zhaoyans „Tante Wu Fei und Tante Wu Fang“ |
Ausgehend von im Rahmen des Übersetzungsprozesses angestellten Überlegungen und Fragestellungen setzt sich der Vortrag mit Ye Zhaoyans 2019 veröffentlichter Erzählung Wu Fei he Wu Fang yima (Tante Wu Fei und Tante Wu Fang) auseinander. Unter Berücksichtigung früherer Forschung zu Yes Gesamtwerk und den Eigenheiten des Textes auf inhaltlicher und sprachlicher Ebene, sollen die der Erzählung zugrunde liegenden Narrative in ihrer diskursiven Dimension nachvollzogen werden. Wenngleich die von der späten Republik bis in die jüngste Vergangenheit reichende Geschichte zweier unversöhnlicher Zwillingsschwestern, in der größere historische Zusammenhänge mit individuellen Schicksalssträngen interagieren, die Einordnung als alternative Geschichtsschreibung nahelegt, scheint die Ausrichtung de Erzählung in letzter Instanz über eine rein historische beziehungsweise zeitgeschichtliche hinauszugehen. Die Darstellung der handelnden Personen und ihrer Beziehungen zueinander kann als Ausdruck eines durch historische Brüche geprägten gesellschaftlichen Selbstverständnisses, sowie des Versuchs die so entstandenen Bruchlinien durch Entwicklungslinien zu überdecken, gelesen werden. Der Autor, der zu Beginn als allwissender Erzähler zu agieren scheint, wird im Verlauf der Handlung als eine der am Rande involvierten Personen der Geschichte erkennbar, was den Charakter des Selbstbildes noch klarer hervortreten lässt. |
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Jonas Schmid Von Selbst- und Fremdbildern – Konfuzianismus in aktuellen deutschen Schulbüchern |
In unserem Vortrag stützen wir uns auf die mandschurisch-chinesischen Versionen, die 1899 in einem Sammelwerk für die Bannerschule in Guangzhou herausgegeben wurden. Dabei werden wir diese beiden Werke aus einem neuen Blickwinkel betrachten. Wurden die Regulierungen bisher ausschließlich unter militärischen Gesichtspunkten beschrieben, also wie darin Marschordnung, Waffenhandhabung und Befehlshierarchien geregelt sind, interessiert uns, was aus kriegerischer Sicht nachrangig erscheint. Welche Themen bezüglich des Umgangs mit Pferden tauchen in den Gesetzen auf? Warum werden Träumende erwähnt? Und welche Rolle spielt Regen? Schließlich versuchen wir die aus Sicht der Kaiser wohl wichtigste Frage zu beantworten: wie wurden die Gesetze überhaupt kommuniziert und wie ihre Befolgung sichergestellt? Und welches Verständnis von Gehorsam und Erziehung liegt dem zugrunde? |
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Grete Schönebeck Moderne und Aneignung - Transkulturelle Reflexionen am Beispiel chinesischer Friedhöfe |
"Tod und Bestattung sind sowohl in China als auch in Deutschland heute im Alltag marginalisiert. Die Notwendigkeit sich damit zu beschäftigen, trifft zeitlebens allerdings die meisten Menschen und so zeigen sich ihm Umgang mit ihnen allgemeinere Vorstellungen der Gesellschaft in der Zeit. Kupferstiche chinesischer Bestattungsumzüge in deutschen Publikationen aus dem 19. Jahrhundert spiegeln beispielsweise den Blick der Zeit auf das exotisch Besondere der chinesischen Alltagspraxis wider. Das Bild westlicher Friedhofskultur, insbesondere des Parkfriedhofs, in China ist gerahmt von der Suche nach dem Modernen, fortschrittlich Verwalteten und Gestalteten. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Friedhöfen, die in den 1990er Jahren, in der ersten postmaoistischen Bestattungsreform entstanden. Die Gestaltung dieser Friedhöfe orientiert sich an westlichen Vorbildern, die teilweise explizit genannt werden, kombiniert aber auch etablierte Formen der chinesischen Bestattungskultur. Das Ergebnis ist ein transkultureller Ort, obwohl es scheint, dass die Zielgruppe der Kunden hier praktisch nicht transkulturell ist. In Interviews mit Managern und Vordenkern dieser Friedhöfe zeigen sich ein in der Tradition verortetes, kritisiertes Selbstbild und ein überhöhtes Fremdbild zu erreichender westlicher Modernität. Diese Bilder lassen sich historisch nachvollziehen und kontextualisieren. Spätere Friedhofsanlagen und die Erweiterungen dieser Frühen zeigen eine stärker kohärente Akkommodation des Grab- und Serviceangebots. Am empirischen Beispiel dieser aus bewertendem Selbst- und Fremdbild entstandenen chinesischen Friedhöfe wird die Reichweite der Konzepte der Transkulturalität und der Aneignung für die Beschäftigung mit Selbst- und Fremdbildern diskutiert." |
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Christian Schwermann „Worin die Westler stark sind, sind wir selbst schwach“ (Xiren suo chang wuren suo duan 西人所長吾人所短): Die Betrachtung des Selbst in der Beschreibung des Anderen in Liang Shumings Die Essenz der chinesischen Kultur (Zhongguo wenhua yaoyi, 1949) |
"In seinem Spätwerk Die Essenz der chinesischen Kultur (Zhongguo wenhua yaoyi 中國文化要義), das kurz nach Gründung der Volksrepublik China im November 1949 im Verlag Luming Shudian 路名書店 in Chengdu 成都 erschien, brachte der chinesische Philosoph Liang Shuming 梁漱溟 (1893–1988) eine im weitesten Sinne kulturkomparatistische Methode in Anschlag. Ihr eigentliches Ziel bestand indes darin, das Wesen der eigenen Kultur im Spiegel einer fremden zu erkennen und zu benennen. Liang berief sich dabei auf zwei berühmte Verszeilen des Song-zeitlichen Dichters Su Shi 蘇軾 (1037–1101), die besagen, dass man das wahre Antlitz des Lushan 廬山 nicht erkennen könne, wenn man sich selbst inmitten des Bergmassivs befinde. Liang argumentierte folglich, dass man sich mit der Gesellschaftsordnung einer distanten Kultur beschäftigen müsse, um die Sozialstruktur der eigenen besser verstehen zu können. Der Vortrag soll zunächst Liang Shumings Methode der Kulturbeschreibung durch Inversion vorstellen und dabei auch auf die Frage eingehen, inwieweit er diesen Ansatz schon in seinem philosophischen Frühwerk bewusst entwickelt hatte. Im zweiten Teil soll es um die Ergebnisse seiner kulturkomparatistischen Untersuchungen gehen, wobei nicht die bereits hinlänglich bekannten Inhalte seiner Schlussfolgerungen, sondern deren holzschnittartige rhetorische Form im Mittelpunkt stehen werden. Dieser Wechsel zu einer philologischen Perspektive auf die Schriften von Liang Shuming soll es abschließend ermöglichen, Rückschlüsse auf dessen Intention, den Sitz seiner kulturkomparatistischen Schriften im Leben der frühen bzw. ausgehenden chinesischen Republikzeit und den Wert seiner Kulturbeschreibung durch Inversion zu ziehen. " |
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Sheng Yang Imagewandel der KMD im Kontext der Einheitsfront |
"In den letzten zehn Jahren haben sich die Beziehungen in der Taiwanstraße subtil verändert. Mit den dreimal aufeinanderfolgenden Wahlsiegen der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) auf Taiwan sank der Einfluss der Kuomintang (KMT) kontinuierlich, wie z.B. die jüngste „Abberufungskampagne“ zeigt. Um den eigenen Abwärtstrend aufzuhalten, suchte die KMT verstärkt die Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) – sichtbar etwa in den wiederholten Chinabesuchen von Ma Ying-jeou – und es wurden innerparteilich zunehmend Stimmen laut, die eine Wiedervereinigung nicht ausschließen. So entstand eine Art „dritte Einheitsfront zwischen KMT und KPCh“ im gemeinsamen Widerstand gegen die DPP. Auf der anderen Seite änderte sich in Festlandchina der offizielle Umgang mit der KMT: Während die Bewertung der KMT in offiziellen Dokumenten wie Schulbüchern bislang unverändert blieb, ist in historischen TV-Dramen der letzten Jahre eine deutliche Imageverschiebung zu beobachten. Die KMT wird dort nicht länger ausschließlich als „Feind“, sondern zunehmend als „Kooperationspartner“ dargestellt. Der Vortrag untersucht, wie sich das Fremdbild der KMT in chinesischen Fernsehproduktionen verändert hat und wie die KPCh diese Produktionen gezielt als Instrument der „Einheitsfront“-Propaganda nutzt. Dabei wird gezeigt, wie Selbst- und Fremdbeschreibungen ineinandergreifen, um ein neues Narrativ für das Verhältnis zwischen Festlandchina und Taiwan zu formen." |
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Bernd Spyra China sammeln, ausstellen, repräsentieren: Fremd- und Selbstbeschreibungen in Objekt- und Inventarlisten ethnologischer und volkskundlicher Sammlungen des frühen 20. Jhdts. |
"Unter dem Eindruck der wiederholten Angriffe der nationalstaatlich verfassten europäischen Mächte im 19. Jhdt. und spätestens seit dem Ende der Kaiserherrschaft 1911 stellte sich in China die Frage, wie eine kollektive „chinesische“ Identität gedacht werden könnte, die einen Ausweg aus den mannigfaltigen Krisen jener Zeit böte. Ein gangbarer Weg schien die Definition Chinas als Nation (民族), wozu es nötig war, diese nach innen wie nach außen zu demarkieren. Wissenschaftler u.a. der Peking Universität machten sich in den späten 1910er-Jahren daran, Volkslieder und andere folkloristische Stoffe abseits der elitären „konfuzianischen“ Kultur zu sammeln, die nicht nur deskriptiv eine „chinesische“ Kultur der breiten Bevölkerung dokumentieren sollten, sondern ebenfalls im Kontext der Neue-Kultur-Bewegung präskriptiv einen Rahmen setzten, was zukünftig als „chinesische“ Kultur zu verstehen sei. Neben den mündlich tradierten Stoffen gerieten dabei bald materielle Artefakte des Lebens der breiten Bevölkerung als Repräsentationen „chinesischer“ Kultur in den Blick der chinesischen Sammler, da sie sich besonders gut für komparatistische und Ausstellungszwecke eigneten. Hierin berührten sich die Interessen der chinesischen Sammler und ausländischer Ethnologen, welche ebenfalls seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert versuchten, „China“ als Nation durch das Sammeln und Ausstellen materieller Artefakte greifbar zu machen. Diese Versuche, China durch Auswahl materieller Artefakte in Sammlungen und Ausstellungen zu repräsentieren, sind in verschiedenen deutschen und chinesischen Inventar- und Objektlisten konserviert, welche im Hamburger Museum für Völkerkunde (heute MARKK) im Rahmen einer Kooperation mit der Academia Sinica in den Jahren 1928-1932 zusammengestellt wurden. Sie werden in diesem Vortrag im Kontext ihrer Entstehung vorgestellt." |
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Tabea Thöle Jiaxun-Werke zwischen song-zeitlicher Selbstverortung und moderner Traditionsbildung |
"Das Genre der Jiaxun (家訓), oft als „familiäre Unterweisungen“ übersetzt, hat in der modernen Forschung den Ruf, auf eine lange und vermeintlich konfuzianische Tradition zurückzugehen. So schreiben Autor*innen der Sekundärliteratur den Jiaxun eine Jahrhunderte umfassende Kontinuität und normative Autorität zu, wobei bereits Werke wie die Familienanweisungen des Yan-Clans, das Yanshi Jiaxun 顏⽒家訓, als Belege für eine kohärente, zeit-enthobene Gattung angeführt werden. Tatsächlich jedoch lässt sich das Genre als solches in stabiler Form erst in der Song-Zeit (960–1279) nachweisen. In diesem Vortrag wird analysiert, wie sich Selbstbilder aus song-zeitlichen Jiaxun-Texten gegenüber retrospektiv konstruierten Fremdbildern durch spätere Leser*innen und die moderne Wissenschaft verhalten. Während heutige Deutungen die Jiaxun oft als Ausdruck einer überzeitlichen konfuzianischen Familienethik lesen, präsentieren sich viele Texte der Song-Zeit selbst als situativ gebundene, individuelle Antworten auf soziale, politische und moralische Herausforderungen – nicht als Teil einer etablierten literarischen oder ideologischen Tradition. Anhand ausgewählter song-zeitlicher Primärtexte und unter Einbeziehung moderner Forschung wird somit die Spannung zwischen der historischen Selbstverortung der Jiaxun-Autoren und ihrer heutigen Rezeption als „Traditionsträger“ aufgezeigt" |
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Tong Yali Der Blick eines Deutschen auf Formosa am Ende des 19. Jahrhunderts: am Beispiel von Karl Theodor Stöpels Reisebericht |
"Im Rahmen eines Forschungsprojekts wird die Reise des Deutschen Karl Theodor Stöpel (1862–1940) nach Formosa (Taiwan) im Jahre 1898 untersucht. Eingeladen von der japanischen Regierung verweilte Stöpel von November 1898 bis Januar 1899 auf der Insel und bestieg am 26. Dezember den Hauptgipfel des Yushan (Niitakayama/Mount Morrison). Sein umfangreicher Reisebericht „Eine Reise in das Innere der Insel Formosa und die erste Besteigung des Niitakayama – Weihnachten 1898“, veröffentlicht 1905 in Argentinien, bietet einen detaillierten Einblick in seine Route sowie seine Beobachtungen zur Han-Bevölkerung, zu indigenen Gruppen und zur japanischen Kolonialverwaltung. Stöpel, dessen beruflicher Hintergrund als Nationalökonom ihn klar von zeitgenössischen japanischen Anthropologen unterscheidet, konstruiert in seinem Text komplexe Selbst- und Fremdbilder: Er positioniert sich als westlicher Beobachter in einem kolonialen Raum, reflektiert gleichzeitig seine Rolle innerhalb dieser Struktur. Die Studie beleuchtet, wie sich kulturelle Zuschreibungen, koloniale Machtverhältnisse und persönliche Perspektiven in Stöpels Schriften verflechten. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Spannungsfeld zwischen europäischer Wissensproduktion und japanischer Kolonialambition. Der Beitrag versteht sich als Analyse einer interkulturellen Begegnung am Ende des 19. Jahrhunderts und fragt, inwiefern Stöpels Darstellung Formosa nicht nur als geografisches, sondern auch als kulturelles „Gebilde“ konstruiert – zwischen Bewunderung, Kritik und Projektion. Keywords: Reisebericht, Formosa, Kulturelle Wahrnehmung, Transkulturalität, Kolonialdiskurs" |
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Lea Wallraff History as a Resource for the Future: Agricultural Reforms and Reception of Antiquities in Late Imperial and Early Republican China |
My dissertation focuses on the use of classical Chinese agricultural concepts in the discourse on agricultural reforms during the late Qing dynasty and the early republican era in China. Besides the many other threats that the Chinese state faced during that period, food production constituted an important challenge: while the population had already grown to ca. 440 million by 1850, many regions were already under intensive use, so that agricultural yields could not increase as fast. Social unrest and natural disasters like floods and droughts only added to this predicament, though they also limited population growth. Therefore, this period saw many different attempts aimed at enhancing agricultural productivity, which were often introduced in connection with terms derived from the ancient Chinese context. How were such concepts reappropriated during the late Qing and early Republican period as a means of generating visions of the future? In order to answer this question, I examine not only writings by reformers and their opponents, but also newspaper articles and some of the agricultural manuals that abounded at the time. Methodologically, I draw (among others) on Reinhart Koselleck’s works. My hypothesis is that the agricultural, economic and political concepts drawn from antiquity undergo significant semantic change in the process of their use in the discourse on agricultural reforms during the late 19th and early 20th century, and that this conceptual change can be connected to a change in ideas about the nature of history itself – it became equivalent to the notion of progress and could be shaped by human hands. |
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Wang Wangshan Fremdbildkonstruktionen im „Das Neuen Asien“: Westliche Selbstprojektionen und deren Dekonstruktion im urbanen Raum |
"In seinem 1940 veröffentlichten Reisebericht „Das Neuen Asien“ entwirft Colin Roß anhand der Städte Tianjin, Shanghai und Hongkong ein China-Bild, das sich im Spannungsfeld zerfallender imperialer Ordnungen formiert. Diese Darstellung trägt sowohl die Spuren westlich-kolonialer Nostalgie als auch die Vorzeichen eines aufkommenden japanischen Kolonialdiskurses. Dadurch entsteht ein Spannungsraum zwischen dem Ende des europäischen Imperialismus und der Konstruktion einer „neuen Ordnung“. Ausgehend von der Imagologie der Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie der Kritik des Orientalismus analysiert dieser Beitrag, wie Roß durch urbane Raumrepräsentationen chinesische Städte als symbolische Orte europäischer Identitätskrisen und geopolitischer Umbrüche konstruiert. Peking erscheint bei Roß als Symbol der ehemaligen Autorität des chinesischen Kaiserreichs, dessen Raumordnung durch koloniale Eingriffe fragmentiert und von japanischem Einfluss neu codiert wird. Tianjin wird zur Bühne des Niedergangs europäischer Kolonialprivilegien und zur Ruinenlandschaft imperialer Ambitionen. Shanghai fungiert als Schnittstelle zwischen Kapitalismus und Kolonialismus, an der sich die Erosion kolonialer Macht im Zeichen wirtschaftlicher Dynamik manifestiert. Hongkong schließlich wird als leere Hülle britischer Kolonialmacht beschrieben, deren Legitimität zunehmend in Frage steht. Anhand dieser Stadtdarstellungen zeigt der Beitrag, wie Roß in der Verschränkung von Selbst- und Fremdbildern koloniale Identitätsentwürfe destabilisiert und gleichzeitig den japanischen Anspruch auf kulturelle Hegemonie sichtbar macht, was das zentrale Imaginarium eines „neuen Asiens“ konstituiert." |
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Kathleen Wittek Zwischen Spiegel und Maske: Selbst- und Fremdbilder in der Literatur von Zhang Ailing und Xi Xi |
"Die Werke von Zhang Ailing (Eileen Chang) und Xi Xi eröffnen eindrucksvolle Perspektiven auf die komplexen Wechselwirkungen von Selbst- und Fremdbeschreibungen im chinesischsprachigen Raum. Beide Autorinnen schreiben aus städtischen Zwischenräumen – Shanghai bzw. Hongkong – und verhandeln Identität an der Schnittstelle von chinesischer Tradition, kolonialer Erfahrung und westlicher Moderne. In ihren Texten treten kulturelle Selbstreflexion und die (implizite wie explizite) Auseinandersetzung mit externen Blicken auf „China“, „das Chinesische“ oder „den Orient“ in einen produktiven Dialog. Durch sorgfältige, komparatistische Lektüren ausgewählter Kurzgeschichten und Romane wird gezeigt, wie Zhang Ailing und Xi Xi literarisch mit hegemonialen Diskursen ringen – und dabei sowohl tradierte kulturelle Selbstbilder dekonstruieren als auch neue, hybride Sichtweisen auf China eröffnen, die klassische Bipolaritäten von Orient und Okzident hinterfragen. Die Analyse trägt dazu bei, die literarische Konstruktion von Identität und Alterität im Spannungsfeld von Eigen- und Fremdwahrnehmung differenzierter wahrzunehmen." |
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Zhou Tianyue Negotiating a Legible State: Statistical Reform in Early Opening-Up China |
"Statistical indicators are not merely tools of governance - they are a numerical representation of a nation’s self-image, shaping how it is perceived both domestically and internationally. In the late 1970s, as China sought to re-enter the global community, its self-contained and politically disrupted statistical system proved inadequate for projecting a credible international image. As some Western observers put it as full of “lies and half-truth” - its data were scarce, opaque, and incompatible with globally accepted accounting standards, making meaningful comparison virtually impossible, thus necessitating fundamental reform. However, reform efforts also had to contend with the legacy of a long-established socialist statistical framework and its constructed sense of epistemic superiority. This article identifies three pivotal transformations during the early Opening-Up period, each corresponding to a different domain of reform aligned with global norms: methodological reform - the removal of the artificial division between mathematical and social statistics; transparency reform - the publication of the China Statistical Yearbook and the enactment of the Statistics Law; and a framework reform- the shift from the Material Product System (MPS) to the more widely recognized System of National Accounts (SNA). These changes, all initiated around 1979, triggered prolonged debate and institutional compromise that stretched into the late 1980s. Focusing on these contested transformations, this research explores how Chinese statisticians and policymakers negotiated the tension between conforming to international standards and preserving ideological continuity by inventing hybrid statistical practices. It argues that statistical knowledge and techniques in this transitional period was shaped by China’s dual imperative: to present a legible, credible image abroad while maintaining a coherent and legitimate self-image at home." |
Anreise
Sie finden uns hier:
Universität Hamburg
Asien-Afrika-Institut
Abteilung für Sprache und Kultur Chinas
Edmund-Siemers-Allee 1, Ostflügel
20146 Hamburg
Die Anreise erfolgt am besten mit der S-Bahn (S2 / S5), dem Bus (4 / 5) oder dem Fernverkehr bis Dammtor (Fußweg ca. 3 Minuten) oder mit der U2 bis zum Gänsemarkt (Fußweg ca. 15 Minuten).
Die Anreise mit dem Pkw ist aufgrund der geringen Verfügbarkeit von Parkplätzen nicht zu empfehlen.
Hotels
Hotelempfehlungen:
Grand Elysée Hotel Hamburg (ca. 2 Min. Fußweg, €€€)
Das erste Hotel am Platz - Luxuriöses 5-Sterne-Hotel direkt neben dem Campus.
Adresse: Rothenbaumchaussee 10, 20148 Hamburg
Tel.: +49 40 41 41 20
E-Mail: info@grand-elysee.com
Hotel Vorbach Hamburg (ca. 8 Min. Fußweg, €€)
Traditionsreiches, familiengeführtes Hotel mit attraktivem Unitarif.
Adresse: Johnsallee 63–67, 20146 Hamburg
Tel.: +49 40 441 820
E-Mail: info@hotel-vorbach.de
Hinweis: Bis zum 9.10. wird ein Kontingent von 20 Zimmern zum Sonderpreis von 110,00 € p. P. / Nacht freigehalten. Die Buchung erfolgt durch die TagungsteilnehmerInnen selbst unter Angabe des Stichworts „DVCS 2025“.
Radisson Blu Hotel (ca. 3 Min. Fußweg, €€)
Modernes, stilvolles Hotel in unmittelbarer Nähe zur Universität.
Adresse: Congressplatz 2, 20355 Hamburg
Tel.: +49 40 35 020
E-Mail: info.hamburg@radissonblu.com
Hotel Wagner im Dammtorpalais (ca. 4 Min. Fußweg, €€)
Elegantes Hotel in einem historischen Gebäude – praktisch und nah am Institut gelegen.
Adresse: Moorweidenstraße 34, 20146 Hamburg
Tel.: +49 40 450 131 0
E-Mail: info@hotel-wagner-hamburg.de
Hotel Bellmoor im Dammtorpalais (ca. 4 Min. Fußweg, €€)
Gemütliches Hotel mit persönlicher Atmosphäre in direkter Nähe zum Institut.
Adresse: Moorweidenstraße 34, 20146 Hamburg
Tel.: +49 40 41 33 11 0
E-Mail: info@hotel-bellmoor.de
Superbude St. Pauli (ca. 15 Min. mit ÖPNV, €)
Kreatives Budget-Hotel mit urbanem Charme.
Adresse: Juliusstraße 1–7, 22769 Hamburg
Tel.: +49 40 80 79 15 82 0
E-Mail: stpauli"AT"superbude.com
Pyjama Park Hotel & Hostel (ca. 15 Min. mit ÖPNV, €)
Stylishes Hybrid-Hotel im Schanzenviertel mit entspanntem Flair und preisgünstigen Optionen.
Adresse: Bartelsstraße 12, 20357 Hamburg
Tel.: +49 40 38 07 81 42
E-Mail: schanzenviertel"AT"pyjama-park.de
Villa Viva Hamburg (ca. 20 Min. mit ÖPNV, €)
Sozial engagiertes Hotel mit kreativer Gestaltung – unschlagbarer Preis für Studierende.
Adresse: Schultzweg 4, 20097 Hamburg
Tel.: +49 40 537 990 10
Weitere Infos
- Es wird eine Garderobe eingerichtet.
- Das Asien-Afrika-Institut verfügt über einen Liegeraum, in dem in Ruhe gestillt werden kann.